Neuroathletiktraining ist Kopf- und Körpersache

Das Interview führte Felix Artzt
Fotos: Mira Hampel | mirahampel.de

Neuroathletikexperte Dr. Eric Cobb im Interview über neurozentriertes Training

Eric Cobb absolvierte sein Chriopraktik-Studium (Magna Cum Laude) an der University of Western States 1994. 2003 gründete er Z-Health Performance - ein Unternehmen, das sich auf die Entwicklung fortschrittlicher, neurologisch zentrierter Rehabilitations- und Sportleistungsprogramme spezialisiert hat. Er und sein Team schulen Fitness-Coaches, Sporttrainer, Therapeuten und Ärzte aus der ganzen Welt.

Eric, wofür steht das Z in Z-Health?

Das fragt mich jeder. Als ich in den frühen 90ern mit Z-Health begonnen habe, habe ich mit einem russischen Arzt zusammengearbeitet und in Russland trainiert. Das russische Wort für Gesundheit ist здоровье (zdorov'ye) und dieses beginnt mit einem Z.  Es ist somit ein Tribut an diese frühen Einflüsse. Ich habe versucht, es im Laufe der Jahre zu ändern, aber es ist dann irgendwie hängengeblieben. Uns gefällt es und daher haben wir es gelassen.

Was genau ist Z-Health und wie hat alles angefangen?

Z-Health steht für zwei Bereiche. Zum einen für das Unternehmen und zum anderen für unser Ausbildungskonzept. Wir haben ein umfangreiches Curriculum, vergleichbar mit einem Masterabschluss oder einem Doktortitel. Wir haben uns dabei auf die Ausbildung „Neuro-Zentrisches Training“ für Physiotherapeuten, Ärzte und Sporttrainer spezialisiert, die die Komponenten Kopf und Gehirn in ihr Tätigkeitsfeld integrieren möchten.

Wie bereits erwähnt, habe ich mit dem Training direkt nach meiner Schulzeit begonnen und fühlte mich anfänglich fit und mit dem Schulstoff gut vorbereitet. Allerdings war ich sehr schnell unzufrieden und frustriert mit den Ergebnissen, die ich mit meinen Klienten, Sportler und Patienten, erzielte. Es gab oft nur kleine Verbesserungen und meistens dauerte der Prozess sehr, sehr lange. Darüber hinaus hatte ich selbst einige Verletzungen und war sozusagen selbst chronischer Schmerzpatient - ein Patient mit vielen Therapien und wenigen Erfolgen. Ich war in der glücklichen Lage, dass ich einen Professor an der Universität hatte, der - heute würde man sagen - moderne Schmerz-Neuro-Physiologie studiert hatte und lehrte und mich für dieses Thema begeistert. Er weckte mein Interesse für die Neurologie an sich und wie das Wissen über Neurologie für die Verbesserung von Bewegung und Schmerzen genutzt werden kann. In der Zeit von 1995 bis 2002/2003 probierte ich mein neues Wissen an mir uns meinen Klienten aus. Diese Erkenntnisse sind heute Grundlage des Z-Health Ausbildungskonzepts. Wenn Leute mich fragen, wie Z-Health entstanden ist, lautet die Antwort: „Z-Health ist das Ergebnis meiner eigenen Frustration“. Und das sehe ich auch bei den Teilnehmern unserer Seminare. Sie möchten ihren Kunden und Patienten schneller und effizienter helfen.

Du bist weltweit einer der führenden Experten im neurozentrierten Training und hast mittlerweile sehr viele Trainer und Therapeuten ausgebildet. Warum ist dieses Thema aktuell so nachgefragt?

Das verwundert mich ebenfalls. Ich denke, es gibt zwei Gründe warum ich so viele Leute mit meinem Konzept anspreche. Erstens: Trainer und Therapeuten stoßen mit ihren bekannten Methoden immer wieder an Grenzen. Dabei verstehen sie mehr und mehr, welche wichtige Rolle Kenntnisse über Funktion und Wirkweise des Nervensystems für ihren eigenen Erfolg als Therapeuten oder Trainer bedeuten. Zweitens: die Neuroplastizität. Neuroplastizität bedeutet, dass unser Gehirn sich aufgrund von herausforderndem und zweckentsprechendem Training verändern kann.  Das hört sich heute gar nicht mehr so cool an, aber vor 20 Jahren, als ich zur Schule ging, war der Stand der Dinge, dass das Gehirn ab dem Alter von 25 Jahren aufhört, sich zu verändern und zu wachsen. Nun wissen wir, dass über die gesamte Lebensspanne neue Neuronen gebildet und Nervenbahnen durch Aktion verändert werden können, was natürlich viel Interesse an dem Thema Neurozentriertes Training weckt. Vieles von dem, was wir in den Schulungen machen, sind Drills und Assessments zu vermitteln, die mit dem richtigen Fokus Veränderungen der Hirnstrukturen bewirken können. Und wenn alles richtig angewendet wird, passieren diese Veränderungen sehr schnell, was cool ist!

 

“Wir versuchen zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert und welche Methoden es braucht - und vor allem welche nicht. Nur so entstehen schnelle Resultate.”

 

Kannst du Beispiele nennen, wie sich die Arbeit von Therapeuten und Trainern bzw. die Situation ihrer Klienten aufgrund des neurozentrischen Trainings verbessert hat?

Ja sicher. Ich gestalte und halte Kurse so, wie ich sie selbst gerne hören würde. Ich bin ein praktisch orientierter Mensch und versuche, sehr deutlich zu sein. In allen Kursen gibt es drei verschiedene Bereiche. Zunächst die Wissenschaft. Nicht alle Teilnehmer lieben das. Sie denken „Wissenschaft und Lernen, das war in der Schule. Wir möchten direkt in die Praxis einsteigen!“ Ich denke aber, zu verstehen, wie das Gehirn und der Körper miteinander in Beziehung stehen, ist sehr wichtig. Danach folgt die Praxis, in der wir viele Assessments und Test machen, die viele Therapeuten, Trainer und Ärzte entweder noch nie gesehen oder in einem sehr statischen Modell kennengelernt haben. Wir helfen ihnen, bekanntes Wissen anzupassen und zeigen ihnen darüber hinaus viele Tests. Zum Beispiel lernen sie in unserem Fundamental Kurs Tests das visuelle und das vestibuläre System kennen. Diese kennen die Wenigsten aus ihrer bisherigen Ausbildung. Im Anschluss an die Tests lernen sie Trainings-Drills kennen, die sie zur Verbesserung der festgestellten Probleme nutzen können. In allen Kursen bekommt man ein Paket aus Hintergrundinformationen, Tests/Assessments und Übungen/Trainings-Drills, basierend auf den Tests.

Was war das beeindruckendste Resultat, das jemand mit deinem System erreicht hat?

Ich mache das schon so lange, dass ich tausende cooler Geschichten erzählten könnte.

Erzähl mehr!

So viel Zeit haben leider nicht. Es ist immer spannend. Wenn ich danach gefragt werde, erwarten die Leute immer eine Geschichte von einem professionellen Sportler oder einem Olympia-Athleten, da ich in diesem Bereich viel unterwegs war und immer noch bin. Aber die Leute, die mich am meisten beeindrucken sind die, die die größten Probleme bzw. schwersten Verletzungen haben. Es gibt einen Wissenschaftler in den USA, der im Bereich Verletzungen des Gehirns forscht. Dieser sagt, dass es genauso viel Zeit und Arbeit braucht, um die Bewegung eines Armes nach einem Infarkt wieder herzustellen, wie für die Vorbereitung eines Sportlers auf die Olympischen Spiele. Es ist dieselbe Arbeit, nur ohne öffentliche Aufmerksamkeit und ohne die finanziellen Mittel. Für mich ist daher die beste Story die Wiederherstellung nach schlimmen Verletzungen.

Vor zehn Jahren kam eine junge Frau zu mir als Patienten mit einer Gehirnentzündung. Sie hatte zuvor im Krankenhaus eine Antibiotika-Infusion erhalten, damit sie überlebte. Die Antibiotika hatten jedoch ihr vestibuläres System zerstört, was eine bekannte Nebenwirkung dieses starken Medikaments ist. Sie hatte starke Gleichgewichtsprobleme, konnte nicht laufen und saß im Rollstuhl. Sie hatte bereits zwei Jahre ein spezielles Neuro-Rehabilitationsprogramm in einem Krankenhaus durchlaufen. Drei Jahre danach habe ich sie getroffen. Sie konnte mit einer Gehhilfe notdürftig gehen und war gerade einmal 26 Jahre alt, also sehr jung. Sie war gerade verheiratet aber konnte nicht Auto oder Fahrrad fahren, nicht reisen und bestenfalls etwa 50 - 100 Meter laufen, dann fiel sie. Das Interessante war, dass ich mit ihr nur viermal gearbeitet habe. Dabei kamen grundlegende Assessments und einige komplexe visuelle und vestibuläre Drills zum Einsatz. Ich habe sie in dem Jahr einmal alle zwei Monate gesehen und es wurde von Mal zu Mal besser. Bei unserem dritten Treffen sagte sie, dass sie mit ihrem Mann ans Meer gefahren war - zwei Stunden Fahrt! Ein Jahr nach unserem letzten Treffen hat sie mir ein Muschelstück von einem Strand in Kalifornien geschickt. Sie lebte eigentlich in Boston und wollte mir so mitteilen, dass sie jetzt reisen kann.

Heute schickt sie mir jedes Jahr eine Karte, ist umgezogen und hat ein Baby. Sie hat ihr Leben zurück. Ich sage den Leuten immer: Das gute am neurozentrischen Training ist, dass du – wenn du gut darin bist -  das Problem identifizieren kannst. Danach muss der Patient seine Übungen machen. Dem stehe ich mit viel Respekt gegenüber, denn sie müssen hart arbeiten.

Das ist eine beeindruckende Geschichte. Neurozentriertes Training hilft Patienten offensichtlich sich zu verbessern. Du sagst zudem, dass dieses Training dazu beiträgt, Ziele schneller zu erreichen. Hast du ein Beispiel dafür?

Immer wenn ich mit Patienten arbeite, möchte ich Assessments auswählen, die möglichst genau das Areal testen, das eine Dysfunktion aufweist. Was wir bisher wissen ist, dass man Veränderungen der Gehirnfunktion sehr, sehr schnell sehen kann. Das Gehirn ist sehr anpassungsfähig. Man sieht Veränderungen der Durchblutung, des Sauerstoffgehalts oder der Mineralienzusammensetzung sowie der Funktion. Beobachtet man zum Beispiel die Durchblutung in einem funktionellem MRI und man bewegt die Hand des Patienten, kann man die dadurch entstehende Mehrdurchblutung direkt sehen. Eines unserer Ziele ist somit, für vorhandene Dysfunktionen mit einem passend dosierten Impuls möglichst schnell Veränderungen (Schmerz, ROM, Kraft etc.) zu erzeugen. Wir testen, setzen einen Stimulus oder führen Drills durch und testen erneut. Veränderungen bzw. Rückmeldungen erfolgen teilweise so schnell, dass diese direkt sichtbar sind, wenn man den richtigen Stimulus gesetzt hat - leider auch, wenn man einen falschen Stimulus gesetzt hat. Es funktioniert somit in beide Richtungen. Das ist ein wichtiger Punkt. Normalerweise lernen Schüler in Aufbauseminare immer neue Inhalte. Häufig ist hier die wichtigste Erkenntnis zu erkennen, welche Methoden und Tools man nicht einsetzt. Wir versuchen zu verstehen, wie das Gehirn unserer Patienten funktioniert und welche Methoden und Tools es braucht - und vor allem welche nicht. Nur so entstehen schnelle Resultate.

Kannst du noch detaillierter auf die Wirkungsweise deines Trainings bei chronischem Schmerz eingehen?

Chronischer Schmerz ist ein eigentümliches Tier, eine eigene Spezies, da er so viele verschiedene Parameter hat. In unseren Kursen verbringen wir mit der Thematik viel Zeit, denn moderne Schmerz-Neurotherapie ist zum einen faszinierend und darüber hinaus kompliziert. Aber immer wenn man chronischen Schmerz anschaut, ist das Wichtigste folgendes: Wenn du einen Patienten oder Athleten mit chronischen Schmerzen hast, dann lass ihn genau das machen, was er immer gemacht hat. Wahrscheinlich wird es das Problem nicht lösen, sonst wäre das schon längst passiert. Man muss die Dinge somit anders betrachten. Schmerz ist die Folge einer Sammlung von Dysfunktionen oder - wie wir sagen - Bedrohungen. Nehmen wir zum Beispiel den Knieschmerz: In den Tests stellt sich heraus, dass es zudem visuelle Probleme gibt, Probleme beim Hören und auch beim Gleichgewicht.

Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten. Vielleicht schläfst du zudem schlecht und hast einen Job der dir nicht gefällt. Die Forschung zeigt, das all diese unterschiedlichen Parameter eine Rolle im individuellen chronischen Schmerzzirkel spielen. Immer wenn wir mit einem chronischen Schmerzpatienten arbeiten, müssen wir daher sicher gehen, dass alle diese unterschiedlichen Einflussfaktoren Beachtung finden und wir sie nach und nach eliminieren.  Was ich aus meiner 20-jährigen Erfahrung im Training mit chronischen Schmerzpatienten sagen kann ist, dass die meisten dieser Patienten Probleme im visuellen Bereich oder im Innenohr haben. Dieses Problem gehen wir zuerst an. Dieses ist ein guter Schritt, um zu sehen was sie brauchen und um die weiteren Probleme zu identifizieren.

Wir unterstützen deine Kurse mit einer von dir vorgeschlagenen Auswahl an außergewöhnlichen Kleingeräten. Diese sehen sehr speziell aus, ganz anders als die Produkte, die wir ansonsten vertreiben. Kannst du uns etwas zu der Bedeutung dieser Produkte in deinen Kursen sagen? Wie setzt du sie ein?

Diese Produkte sind keine Eigenentwicklung. Tatsächlich suche bzw. benutze ich meistens vorhandene Produkte und nutze diese anders als vorgesehen. Ich versuche andere Nutzungsmöglichkeiten zur Erfüllung unserer Zwecke zu finden. Bei den Kleingeräten findest du so viele, die zum Test des visuellen Systems dienen: Visual-Tafeln, Kordeln, Perlen und andere verrückte Sachen. Zudem haben wir kleine Handgeräte zur Testung der Wahrnehmung. Die häufigsten Dinge, die du in unseren Kursen siehst sind tragbare Kleingeräte. Das ist wichtig. Wenn du mit dem neurozentrierten Training beginnst, muss der Patient in der Lage sein, die Übungen zu Hause fortzuführen. Es reicht nicht, den Patienten ein- bis zweimal die Woche zu behandeln. Er soll sein eigener Therapeut werden. Alles was viel Platz benötigt, wirst du deshalb bei uns nicht finden. Wir nutzen einfache, kleine Dinge, die wir den Patienten geben können, damit sie zu Hause trainieren können.

Oft nutzen wir diese Kleingeräte auch für spezielle Techniken oder Tests. Ein ausgefallenes Gerät ist das sogenannte Z-Vibe, welches Vibration zusammen mit verschiedenen Oberflächenstrukturen kombiniert. Das ist bei neurologischen Patienten, die häufig eine verminderte Wahrnehmung haben sehr hilfreich. Zudem können wir damit im Mundraum und direkt an der Zunge arbeiten. Dieses Gerät erscheint zunächst oft befremdlich, aber ich verspreche dir, es gibt einen guten Grund für den Einsatz des Z-Vibes.

Das war sehr interessant. Danke, dass du heute hier warst. Wenn Trainer und Therapeuten mehr über die Inhalte erfahren möchten, können Sie deine Z-Health Kurse buchen, die auch in Deutschland stattfinden.

Ja, wir kommen mittlerweile vier- bis fünfmal pro Jahr nach Deutschland. Wir haben verschiedene Kursarten. Nähere Informationen dazu sind online verfügbar.

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