„Sport stärkt das Selbstbewusstsein, motiviert und wirkt somit der Isolation entgegen“

Dr. Marco Herbsleb im Interview über sportliche Aktivität mit Handicap

Sport und Bewegung sind gesund und beugen Übergewicht oder auch Krankheiten vor. Doch was kann man tun, wenn man durch eine Behinderung in seinem Bewegungsapparat oder bei sportlichen Aktivitäten eingeschränkt ist? Müssen Betroffene ihren Alltag auf dem heimischen Sofa verbringen? Keinesfalls! Dr. Marco Herbsleb ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter des Forschungslabors am Lehrstuhl für Sportmedizin und Gesundheitsförderung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und gibt Einblicke in die sportliche Betätigung mit Handicap.

Dr. Marco Herbsleb

Warum ist regelmäßige sportliche Betätigung gerade für Menschen mit körperlichem Handicap besonders wichtig?

Neben der unmittelbaren Behinderung mit ihren funktionellen Einschränkungen hat das Handicap oft auch Auswirkungen auf andere Funktions- und Organsysteme und damit auf das physische und psychische Befinden. Es kann zum Beispiel zur Reduktion der aeroben Ausdauerleistungsfähigkeit, mangelnder Selbstwirksamkeit, Ängsten etc. führen. Neben den positiven gesundheitlichen Auswirkungen, wie Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit und Reduktion des Risikos verschiedenster Erkrankungen bis zur Gesamtsterblichkeit, schafft Sport zudem positive Erfolgs- und Gemeinschaftserlebnisse. Die Auswirkungen auf die Psyche sind nicht zu unterschätzen. Sport stärkt das Selbstbewusstsein, motiviert und wirkt somit der Isolation entgegen. Das ist für Menschen, deren Alltag bereits immer wieder unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringt, besonders wichtig: Sport kann hierbei ein Schlüssel zur besseren Bewältigung sein.

Sportliche Aktivitäten können auch dabei helfen, persönliche Grenzen zu überwinden, das eigene Selbstvertrauen zu stärken sowie die eigene Entwicklung positiv zu beeinflussen. Körperliche Aktivität und Sport bedeuten Prävention, Rehabilitation, Lebensfreude und Teilhabe. 

Zum Beispiel sind Menschen mit einer Querschnittlähmung häufig von einer sogenannten spinalen Spastik betroffen. Diese Spastiken können sich durch Inaktivität verschlimmern, durch körperliche Betätigung aber oft vermindern. Wer Sport treibt und sich bewegt, erreicht eine Verbesserung der Kreislaufsituation, die durch eine Lähmung in der Regel beeinträchtigt ist. Angemessene Belastungsreize bewirken unter anderem auch eine bessere Durchblutung der Haut und beugen so der Entstehung von Druckgeschwüren (Dekubiti) vor. Sport unterstützt den Rehabilitationsprozess also entscheidend: Den Folgeschäden einer Behinderung kann durch körperliche und psychische Fitness aktiv entgegengewirkt werden.

Wie wichtig ist sportliche Betätigung speziell für eine gesellschaftliche Integration?

Körperliche Aktivität und Sport, insbesondere in der Gruppe oder im Verein, bieten eine sehr gute Möglichkeit der Integration. Sowohl die gemeinsamen sportlichen Aktivitäten als auch der Austausch mit anderen Menschen – mit und ohne Behinderung – sorgen für eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Kontakt zu Gleichgesinnten. Sport hat neben anderen Zugangsmöglichkeiten (Kunst, Gesang, Selbsthilfegruppen etc.) eine starke, integrative Kraft. Spürbar und erlebbar wird sie, wenn behinderte und nichtbehinderte Menschen sich zusammen bewegen, mit ihren Favoriten mitfiebern, Siege herbeisehnen oder schmerzliche Niederlagen ertragen müssen. In diesen Momenten wird Sport zur „Kontaktbörse“ und bringt die Menschen im Sinne von „Gemeinschaft in und durch Sport“ zusammen.

Sport spielt zudem eine Schlüsselrolle bei der Verwirklichung von Teilhabe und Gleichstellung behinderter Menschen in unserer Gesellschaft. Er sollte für Menschen mit Behinderung so selbstverständlich werden wie für nichtbehinderte Menschen. In Deutschland muss sich vor allem das Grundverständnis von Behinderung ändern, um unter anderem auch Berührungsängste abzubauen.

Warum sind nur wenige Menschen mit Behinderung sportlich aktiv, obwohl sie einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen?

Viele Menschen mit Behinderung trauen sich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht an das Thema Sport heran. Der Verlust bestimmter körperlicher Funktionen und Fähigkeiten – zum Beispiel nach einem Unfall – führt bei nicht wenigen der Betroffenen zu einem geminderten Selbstwertgefühl. Das kann unter Umständen einen sozialen Rückzug zur Folge haben. Neben diesen psychischen Hürden kann allein schon die Organisation ein Hinderungsgrund sein. Betroffene wissen oft nicht um die Möglichkeiten von Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen, die von gesetzlichen Trägern unterstützt werden. Darüber hinaus ist die Beschaffung von geeigneten Hilfsmitteln wie Sportprothesen oder Sportrollstühlen oft sehr aufwändig und teils auch sehr kostenintensiv. Des Weiteren müssen die äußeren Rahmenbedingungen zum gemeinsamen Sporttreiben stimmen, zum Beispiel der Transport zur Sportstätte, behindertengerechte Räumlichkeiten und möglichst persönliche Betreuung.

Die Möglichkeiten, Sport zu treiben, sind prinzipiell auch mit einem Handicap nahezu unbegrenzt. Es gibt bereits vielfältige Angebote und zielgruppenspezifische Aktionen für Menschen mit Behinderungen, beispielsweise Rollstuhlbasketball, Rollstuhltanz, Rollstuhl-Rugby, leichtathletische Disziplinen, Handbiken und vieles mehr. Viele finden diese Angebote in ihrer Region nicht oder haben möglicherweise selbst oder über Dritte negative Vorerfahrungen mit Sport in der Vergangenheit gesammelt. 

Ziel sollte es – ganz im Sinne des Inklusionsgedanken – sein, behinderte Menschen nicht in weit abgelegene barrierefreie Sportstätten zu bringen, sondern Möglichkeiten vor Ort und auch zu Hause zu nutzen oder zu schaffen, damit jede und jeder dort Sport treiben kann, wo sie oder er lebt und sich wohlfühlt.

Wie kann man Betroffene zu mehr Bewegung motivieren und auch gegebenenfalls Kontaktängste reduzieren sowie das Selbstbewusstsein stärken?

Häufig sind den Menschen die Effekte körperlicher Aktivität beziehungsweise die negativen Konsequenzen von Inaktivität auf die Leistungs- und Funktionsfähigkeit der Organsysteme des Körpers nicht bewusst. Bewegungsmangel und eine damit verbundene, verminderte körperliche  Leistungsfähigkeit gilt inzwischen als evidenter Risikofaktor für das Auftreten verschiedenster Erkrankungen. Das Wissen um diese Zusammenhänge sollte insbesondere Menschen mit Handicap zugänglich gemacht und ihnen positive Beispiele der Gesundheitsförderung durch Sport und Bewegung sowie konkrete Angebote zur sportlichen Betätigung aufgezeigt werden. Hier sind auch die Medien stärker gefordert. Mangelnde soziale Bindungen erschweren oft die Teilhabe. Unterstützung durch Familie, andere Betroffene oder ein soziales Netz sind besonders wichtig, um Anschluss und gegenseitige Motivation zu finden.

Einige integrative Vereine in Deutschland bieten Möglichkeiten zur aktiven sportlichen Beteiligung. Doch was kann jeder Einzelne für sich selbst tun, wenn die Teilnahmemöglichkeit daran nicht besteht?

Körperliches Training ist meist auch ohne Bindung an einen Verein zu Hause umsetzbar. Insbesondere durch die verstärkte Nutzung digitaler Medien und die Einbindung krankheitsspezifischer Übungsprogramme kann ein eigenständiges Training in Absprache mit Ärzten zu Hause realisiert werden. Auch die mittlerweile sehr große Vielfalt an einfachen, aber qualitativ hochwertigen und gut anwendbaren Hand- und Kleingeräten ermöglicht ein effektives und funktionelles Training auch in der Wohnung. Kontraindikationen bei diversen Erkrankungen oder Einschränkungen müssen hierbei allerdings berücksichtigt werden.

Welche funktionellen Kleingeräte können Menschen mit Handicap zu einem effektiven Training dienen, beispielsweise Rollstuhlfahrern?

Abhängig vom Handicap können prinzipiell alle Hand- und Kleingeräte, welche auch bei Menschen ohne Einschränkungen Anwendung finden, eingesetzt werden. Im Rollstuhl sind – entsprechend der Läsionshöhe – vor allem ein Training der Stütz- und Greiffunktion der oberen Extremitäten sowie ein Training der Rumpfmuskulatur von besonderer Bedeutung. So könnten zur Erhaltung und Verbesserung der Oberkörperbeweglichkeit zum Beispiel Stäbeelastische Bänder oder auch Stretch Straps genutzt werden. Für Kraft- und Stabilisationsübungen eignen sich unter anderem GewichtsbälleSchwingstäbe oder auch kleine Hanteln. Um das Gleichgewicht im Sitzen zu verbessern, können leicht labile und instabile Unterlagen genutzt werden, unter anderem Ballkissen und Balance Pads. Die verbliebenen Funktionen und Fähigkeiten sollten besonders trainiert werden, um eine bestmögliche Kompensation der Einschränkungen zu erreichen.

Haben Gehandicapte auch Fähigkeiten, die sie einem gesunden Sportler vielleicht voraushaben?

Sportler mit Handicap haben gelernt, sich auf ihre Stärken zu fokussieren und nach vorn zu blicken, statt zurückzuschauen. Im Umgang mit Rückschlägen kann man sicher von ihnen lernen. Behinderte Menschen verfügen meistens über bessere mentale Ausdauer, Geduld und Willensstärke.

Häufig zeigen Gehandicapte besondere Ausprägungen spezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten – taube Menschen haben zum Beispiel eine besondere Beobachtungsgabe und Blinde einen überdurchschnittlichen räumlichen Orientierungssinn und kinästhetische Fähigkeiten. Menschen mit Einschränkungen der oberen Extremitäten haben oftmals spezifische Fertigkeiten mit den Beinen und Füßen, die weit über dem Niveau des Nicht-Gehandicapten liegen. Oft finden gerade augenscheinlich gesunde Menschen Ansporn und Motivation in den außergewöhnlichen Leistungen und der Willensstärke Gehandicapter, wie bei den Paralympics.