„Krafttraining für Kinder ist immer ein Lerntraining und kein kleines Erwachsenentraining“

Martin Zawieja auf dem 3. ARTZT Symposium Martin Zawieja auf dem 3. ARTZT Symposium

Bronze-Olympionike Martin Zawieja im Interview zu Krafttraining für Kinder

Langhanteltraining dient als effektive Trainingsform des Kraft- und Athletiktrainings und braucht einen deutlich höheren Anspruch als das klassische Fitnesstraining. Dieser Auffassung ist zumindest Martin Zawieja, ehemaliger Olympia- und WM-Dritter sowie dreifacher Deutscher Meister im Gewichtheben. Als Krafttrainer hat er unter anderem Profisportler der Handball-Nationalmannschaft, das deutsche Schwimmteam, die DFB-Junioren und Wintersportler in den Bereichen Bob, Skeleton und Biathlon betreut. Zudem gibt er in seinem Handbuch „Kinder lernen Krafttraining“ einen Einblick, wie Kinder sich schon früh auf ein systematisches Krafttraining vorbereiten können.

Warum setzen Sie die Langhantel innerhalb Ihres Krafttrainings ein? Worin liegen die Vorteile des Langhanteltrainings?

Das Training mit der Langhantel basiert auf einer multifunktionalen Gestaltung in den Bereichen Rehabilitation, Prävention und Leistungsoptimierung. Damit können zeitsparend und effektiv Programme entwickelt werden, die einen hohen Übertrag darstellen. Übertrag heißt, welche Zielstellungen im Krafttraining verfolgt werden. Das kann wie gesagt einmal sein, verletzungspräventiv zu trainieren, die Verbesserung der Sprint- und Sprungleistung oder der Körperstabilisation. Die Langhantel hat den Vorteil, dass wir dort viele Dinge miteinander vereinigen können. Sportler können ihre Stabilisation, ihre Sprung- und Sprintfähigkeit oder auch allgemeines Krafttraining gesondert trainieren, aber die Langhantel bietet einmalig die Möglichkeit über Stabilisation, Mobilisation und über eine explosive Bewegungsausführung alles in eine Bewegung zusammenzufassen. Darin liegt der größte Vorteil.

Eignet sich Ihr Trainingskonzept nur für Leistungssportler oder können auch Hobbyathleten Langhanteltraining für sich nutzen? Wie würde ein Workout für Laien aussehen?

Wir wenden Langhanteltraining natürlich auch im Breitensportkonzept mit an, nur muss man dabei aufpassen. Wir differenzieren in den Bereichen Muskelkraft- und Muskelleistungsübungen. Sogenannte Muskelkraftübungen sind beispielsweise Kreuzheben, Kniebeugen, Kraftdrücken und vorgebeugtes Rudern, wo die Hantel mit im Spiel ist, aber die Bewegungsgeschwindigkeit keine Rolle spielt. Wir versuchen dort zwar einen Muskelreiz auszuführen, aber nicht über Geschwindigkeit zu arbeiten. Muskelleistungsübungen im Vergleich dazu, wie Reißen, Umsetzen oder Stoßen, brauchen eine hohe Bewegungsgeschwindigkeit und Bewegungsqualität. Diese sind Leistungssportlern vorbehalten. Breitensportler brauchen diese Komponenten nur bedingt, daher werden die klassischen Olympischen Hebetechniken im Freizeitsportbereich nur auf besonderen Wunsch ambitionierter und leistungsorientierter Breitensportler angewendet. Langhanteltraining mit Basisübungen für den Hobbyathleten ja, exklusive Übungen nein. Aber gerade diese Basisübungen drängen immer weiter auf den Fitnessmarkt, weil mittlerweile bekannt ist, dass gerade im Bereich der Prävention von Osteoporose, Gelenk- oder Rückenbeschwerden der Einsatz der Langhantelübungen sehr gute Ergebnisse gezeigt hat. 

In Ihrem Buch „Kinder lernen Krafttraining“ greifen Sie ein in Deutschland mit Vorbehalten belegtes Thema auf. Aus welchem Grund ist Krafttraining für Kinder hier noch nicht so geläufig wie bereits in anderen Ländern?

In Deutschland herrscht eine gepflegte Belastungsangst, was das betrifft. Den Kindern und Trainern wird versucht zu vermitteln, dass erst ausgewachsene Strukturen vorhanden sein müssen, damit Krafttraining die gewünschte Wirkung zeigt, wie beispielsweise ein vollständiger Hormonhaushalt nach der Pubertät oder ein vollständiges Knochenwachstum. Erst dann solle aus Sicherheitsgründen Athletiktraining absolviert werden. Die Kritiker mit dieser Auffassung haben jedoch die Thematik nicht richtig verstanden. Krafttraining für Kinder ist bei uns immer ein Lerntraining und kein kleines Erwachsenentraining. Wir bieten Übungen an, bei denen nicht Zusatzlast und Wiederholungszahl wichtig sind, sondern bei denen immer wieder neue Bewegungsaufgaben gestellt werden. Das heißt, über eine anspruchsvolle Bewegungsaufgabe mit hoher koordinativer Anforderung holen wir uns auf neuronaler Ebene die gewünschte Leistungsverbesserung. Wir trainieren kein Muskelwachstum mit Kindern und Jugendlichen, sondern wollen das neuronale System für eine verbesserte Ansteuerung an die Muskultur nachhaltig verbessern.

Beispielsweise führen wir Kniebeugen mit den Kindern durch. Zunächst sollen sie dabei lernen, stabil auf beiden Füßen zu stehen und in eine tiefe Hockposition zu gehen. Danach nehmen wir eine leichte Hantel oder auch nur einen Stab dazu, der über den Kopf gehalten wird, machen also eine sogenannte Reißkniebeuge. Wir erhöhen nicht die Last, sondern nur den Schwierigkeitsgrad, am Ende dann mit instabilem Untergrund etc. Diese fortlaufenden Reizwechsel produzieren nachweislich altersgerechte Leistungsverbesserungen.

Warum ist Krafttraining schon im Kindesalter dennoch wichtig?

Zusammenfassend unterscheiden wir neuronale Strukturen, das was wir an Muskelqualität entwickeln wollen, die Ansteuerung an die Muskulatur, wie gut wir unsere Muskulatur bewegen und stabilisieren können. Wir versuchen immer nur neuronal diesen Anstrengungsgrad zu erzeugen. Das ist Kinderkrafttraining und nicht möglichst hohe äußere Reize in Form von hohen Gewichten und Widerständen an das System zu setzen.

Aus welchen Inhalten besteht das Training für Kinder? Welche Ziele sollten dabei verfolgt werden?

Wir haben uns in anderen Sportarten ein wenig umgeschaut, im Basistraining von Turnern, Leichtathleten, Gewichthebern und Kampfsportlern. In diesen Bereichen haben wir uns angeschaut, was im Altersbereich von zehn bis zwölf Jahren gemacht wird. Diese Basisübungen sind wichtig für die Athletik und werden von uns in einem gewissen Baukastensystem präsentiert. Das heißt, jeder Teilbereich bekommt eine hierarchische Aufgabe (leicht, mittel oder schwer, je nach Niveau der Gruppe) zugeordnet und wird dann als eigenständiger Teil angeboten. Zehn bis fünfzehn Minuten leichtathletische Grundübungen, zehn bis fünfzehn Minuten Langhantelübungen usw. In einer Stunde zusammengefasst ergibt sich daraus dann ein Athletiktraining für Kinder.

Der Gymstick Original dient als Trainingsgerät innerhalb Ihres Kinderprogramms. Welche Übungen können damit durchgeführt werden? Warum ist er eine gute Alternative zur Langhantel?

Der Gymstick Original hat sich als Alternative zur Langhantel sehr gut etablieren können und kann theoretisch an jedem Ort und jeder Stelle verwendet werden. Man muss keine großen Aufbauarbeiten leisten, was ein Vorteil ist. Der zweite Vorteil ist die Funktion des Gymsticks, die den Langhantelübungen sehr nahe kommt. Die Tubes an der Seite könnte man als Gewichte oder Widerstand bezeichnen. Dadurch können Langhantelübungen zum Großteil, auf den Gymstick übertragen werden. Dabei ergibt sich ein elastischer Federeffekt, der gegenläufig wirkt. Im Kindertraining besteht eine gute Möglichkeit, sensomotorisch auf diese Gegenzugbewegung zu reagieren. Damit stellt der Gymstick den gewünschten Reizwechsel dar, der im Kindertraining so dominant wichtig ist.

Wissenswertes zum Langhanteltraining von Martin Zawieja finden Sie unter www.langhantelathletik.de.

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