Faszien genauer unter die Lupe genommen

Bis vor kurzem wurden Faszien als einfaches „Stützkorsett“ für die inneren Organe abgetan. Mittlerweile weiß man es besser: Faszien stützen nicht nur den Körper, sie tragen auch erheblich zu Gesundheit und Wohlbefinden bei.

Abbild Faszien Abbild Faszien
Gesunde (links) und verfilzte Faszien (rechts)

Die Faszien erfüllen dabei folgende Funktionen:

  • eigenständiges Organ, das den Körper stützt und formt
  • enthält viele Nervenbedingungen, Schmerz- und Bewegungssensoren
  • zentrales Organ der Körperwahrnehmung (Einfluss auf Immunsystem und Psyche)
  • eigenständige Kontraktion
  • Kraftübertragung von Muskel zu Muskel
  • Muskelkoordination und reibungslose Funktion

In den letzten Jahren sind in wissenschaftlichen und therapeutischen Bereichen die Faszien immer mehr in den Vordergrund getreten. Wurden  früher nur die festen, flächigen Strukturen als Faszien bezeichnet, so sprechen die Experten seit dem ersten internationalen Fascia Research Congress an der Harvard Medical School in Boston (Massachusetts) im Herbst 2007 davon, dass alle kollagenen faserigen Bindegewebe, insbesondere Organ- und Gelenkkapseln, Muskelsepten, Bänder, Sehnen, sowie die namentlichen Faszien – flächige feste Bindegewebsschichten wie beispielsweise die Fascia lata am Oberschenkel – zu diesem Verbund gezählt werden. Dementsprechend bezeichnet man heute als Faszie (lateinisch: verbinden, Verbund) alle Weichteilkomponenten des Bindegewebes, die unseren kompletten Körper wie ein umhüllendes, verbindendes und stützendes Netzwerk durchziehen. Unterschieden wird hierbei zwischen drei Gruppen:

Oberflächliche Faszien: Aus lockerem Binde- und Fettgewebe bestehend, findet man sie in weiten Teilen des Körpers im Unterhautgewebe. Darüber hinaus umgeben sie Organe, Drüsen und neurovaskuläre Leitbahnen. Ihre Aufgabe ist die Pufferung und Dämpfung der Lymph-, Blut- und Nervenbahnen.

Tiefe Faszien: Dabei handelt es sich um die dichten, faserreichen Bindegewebsstrukturen mit extrem hoher viskoelastischer Zugbelastbarkeit, die Muskeln, Knochen und Knorpel, Nervenbahnen und Blutgefäße umschließen und teilweise durchdringen, mal als flächenhafte Faszien (z.B. die Plantarfaszie) oder Sehnenplatten (Aponeurosen), als Ligamente, Gelenkkapseln, Sehnen oder Muskelsepten.

Viszerale Faszien: Sie umgeben die inneren Organe und sind somit für die Aufhängung und Einbettung der Eingeweide zuständig.

Fasziales Bindegewebe findet sich somit in allen Abschnitten des menschlichen Körpers. Dabei stellt es eine lückenlose Verbindung zwischen den verschiedenen Körperteilen und Organen her und ist aus mehreren übereinander liegenden und von einander unabhängigen Schichten mit vertikaler, horizontaler, schräger und spiralförmiger Ausrichtung aufgebaut. Betrachtet man darüber hinaus die Anzahl der Mechanorezeptoren im faszialen Gewebe, kann man sagen, dass die Faszien unser größtes, wichtigstes und reichhaltigstes Sinnesorgan für Propriozeption sind.

Bei Studien der Universität Ulm wurde festgestellt, dass Faszien mit kontraktilen, glattmuskelähnlichen Zellen ausgestattet sind. Folglich können sie sich unabhängig von der willkürlich gesteuerten Skelettmuskulatur eigenständig zusammenziehen, versteifen und auch wieder entspannen. Damit spielen die Bindegewebsstrukturen eine ganz entscheidende Rolle bei der Kraftübertragung während dynamischen, federnden Bewegungen wie z.B. dem Gehen oder Laufen. Solche Kontraktionen der faszialen Strukturen können sogar in Reaktion auf Stress auftreten.

Weiterführend wurde in neuesten Untersuchungen entdeckt, dass Faszien hochgradig innerviert sind und somit Schmerzen verursachen können. Es wird sogar vermutet, dass ein Großteil der Rückenschmerzen nicht, wie bisher angenommen, mit den Bandscheiben zu tun hat, sondern vielmehr durch Schädigungen der Rückenfaszie ausgelöst werden. Ebenso sind vermeintliche Muskelverspannungen oftmals tatsächlich Verhärtungen des Muskelbindegewebes.