„Es gibt kein Entweder-oder, sondern immer nur ein Zusammen“

DOSB-Sportphysiotherapeut Christian Röhrs über Kinesiologisches Taping

Es gibt kaum einen Sportwettkampf im Fernsehen, in denen der Zuschauer sie nicht zu Gesicht bekommt. Auch auf dem lokalen Sportplatz oder in der nahegelegenen Turnhalle tragen viele Sportler die bunten Bänder, die als Kinesiologisches Tape bezeichnet werden. Dabei ist diese Form des Tapings mehr als nur ein modisches Accessoire. Christian Röhrs ist Sportphysiotherapeut des DOSB und Ausbilder für Kinesiologisches Taping. Der ehemalige Leistungssportler im Bobfahren erläutert im Interview die positiven Auswirkungen der Therapiemethode.

Christian Röhrs

Welche Effekte hat Kinesiologisches Taping als Therapieform?

Mit dem Kinesiologischen Taping habe ich vier große Wirkblöcke, die nahezu für jedes Problem wichtig und wirksam sind. Ich normalisiere Muskelspannung und schaffe allein darüber eine Mobilisation. Ich nehme Einfluss auf die Gelenkfunktion über die Gamma-Schleife, das heißt ich beeinflusse die Stabilisation positiv. Ich verbessere die Zirkulation, die bei jeder Störung sofort „in die Knie“ geht, und damit fördere ich Regeneration und Reparation im Gewebe und nehme effektiv Schmerzen über Entlastung der Nozizeptoren (Schadensmelder im Gewebe). In Kombination mit den verschiedenen Anlagetechniken (auch in den funktionellen Zusammenhängen geklebt) eine fast unschlagbare Kombination. 

Worin liegen die Unterschiede und Vorteile im Vergleich zu passiven klassischen Behandlungsmethoden?

Vergleiche führen gerne dazu, dass man andere Methoden herabsetzt. Das ist aber nicht so. Ich kann Kinesiologisches Taping mit fast jeder bekannten ärztlichen und therapeutischen Therapieform kombinieren. Es gibt also kein Entweder–oder, sondern immer nur ein Zusammen. Ich persönlich nutze die oben genannten Wirkungen aus, um meine Patienten erst mal therapiefähig zu machen, denn sie haben gerade in der Physiotherapie noch so große Probleme, dass ich mit meinen Methoden noch gar nicht so viel machen kann. Ich bringe sie also schnell auf ein deutlich höheres Niveau und kann dann die in der Regel stark limitierten Verordnungen viel besser zum Wohle des Patienten ausnutzen.

Welche Stellen sind besonders empfänglich für Kinesiologisches Taping, welche eher weniger?

Meine persönlichen Favoriten sind die Tapes an der Schulter, ISG und beim Inversionstrauma – ich nenne sie auch gerne „Knallertapes“, weil sie immer funktionieren. Der Rest aus meinem Basiskurs (z.B. LWS, HWS, Knie, Achillessehne oder Hallux valgus) ist auch sehr gut. Leider ist die Erfolgsquote beim Tennisarm – nach wie vor und wie bei allen anderen Therapieansätzen auch – recht dürftig, wenn man das Problem nur lokal betrachtet.  

In welchen Bereichen kommt das Kinesiologische Tape zum Einsatz? Lediglich zur Rehabilitation beim Physiotherapeuten?

Natürlich wird es in erster Linie hier eingesetzt und gehört auch ganz klar dahin. Aber auch der ausgebildete Arzt setzt es erfolgreich in seiner Praxis ein, wenn es nicht seine Hilfskräfte nur nach Vorlage kleben. Ansonsten bietet der präventive und Trainingsbereich sehr sinnvolle  Einsatzmöglichkeiten, weil ich mit dem Kinesiologischen Taping immer die körperlichen Prozesse optimiere. Es ersetzt ein Training aber nicht.

Eignen sich Kinesiologische Tapes auch zur Selbstanwendung oder sollten diese nur von therapeutischer oder ärztlicher Hand aufgetragen werden?

Bei dem einen oder anderen Problem kann man es durchaus mal selbst anwenden. Sollten die Beschwerden aber nicht schnell verschwinden, ist auf jeden Fall der Therapeut oder Arzt gefragt. Es kann ja durchaus etwas ganz anderes dahinter stecken.

Stellt Kinesiologisches Taping eine eigenständige Therapieform dar oder hat es lediglich eine unterstützende Funktion?

Ich nutze das Taping oft als eigenständige Therapiemethode. Mit seinen oben genannten Wirkungen kann es oft schon sehr gut helfen. Aber genau so oft macht eine Kombination verschiedener, sich ergänzender Therapien den langfristigen und nachhaltigen Erfolg aus.

Das Kinesiologische Taping nimmt für Sie eine zentrale Rolle unter dem Motto „Wir bewegen Sie gesund“ ein. Was genau meinen Sie mit dieser Aussage?

Dass Bewegung gesund ist, ist unstrittig. Auf der anderen Seite kann ich durch falsche Bewegung auch viel kaputt machen. Da kann man mein Motto auf zwei Arten interpretieren: Erstens bewegen wir Sie auf gesunde Art und Weise, so dass Sie keinen Schaden davon tragen oder zweitens helfen wir Ihnen durch unser Wissen, um die heilende Wirkung von richtiger Bewegung beim Gesundwerden. Da ist das Kinesiologische Tape einer der Bausteine, die es durch seine mobilisierende und stabilisierende Wirkung meinen Patienten schnell wieder ermöglicht, sich zu bewegen und damit die „Allround–Wunderpille“  Bewegung, wie es Prof. Hollmann mal so treffend nannte, voll auszunutzen.