„Einen blauen Fleck bekommt man schnell wieder in den Griff, Frakturen jedoch nicht“

Prof. Dr. Nadja Schott zur Sturzprävention und Minimierung von Sturzfolgen

Ein Moment der Unachtsamkeit und es ist passiert: Es kommt zum Sturz. Egal, ob durch einen rutschigen Untergrund, herumliegende Gegenstände oder durch Erschöpfung verursacht, können Stürze schwerwiegende Verletzungen zur Folge haben. Doch lassen sich diese gezielt vermeiden? Prof. Dr. Nadja Schott ist Professorin an der Universität Stuttgart mit den Schwerpunkten Kognition und Motorik. Dabei behandelt sie vor allem die Themengebiete bewegtes Kognitionstraining über die Altersspanne hinaus und Sturzprävention.

Prof. Dr. Nadja Schott

Ihr letztes Buch (2013) trägt den Titel „Körperlich aktiv altern“. Was verstehen Sie darunter?

Letzten Endes geht es darum, dass Aktivität nie aus dem Leben verschwinden sollte, aber auch nicht muss. Viele, gerade ältere Menschen haben den Eindruck: „Jetzt bin ich alt, jetzt muss ich mich nicht mehr bewegen und es ist auch nicht effektiv, wenn ich mich bewege.“ Es gibt jedoch drei Komponenten, die gelingendes Altern bestimmen. Zum einen, dass keine Krankheiten auftreten, zum anderen die Teilnahme am sozialen Leben: rausgehen, kommunizieren, Freunde treffen oder auch auf Reisen gehen. Die dritte Komponente ist ebenso wichtig und lässt sich sehr gut durch entsprechendes Training erhalten: die kognitive und motorische Leistungsfähigkeit. Die Wirkungen von Inaktivität beziehungsweise dem Nicht-Nutzen der eigenen Ressourcen lassen sich an folgendem Beispiel leicht ablesen: Nimmt man beispielsweise einen Gips nach einem Beinbruch nach vier Wochen ab, kann man sehr deutlich die Abnahme der Wadenmuskulatur beobachten. Die vermeintliche Sicherheit durch Inaktivität ist jedoch kontraproduktiv. Das Motto „Use it or loose it“ trifft für ältere Menschen in noch viel stärkerem Umfang zu, und dies gilt für die motorische als auch kognitive Leistungsfähigkeit gleichermaßen.

Sie haben ein Sturzpräventionsprogramm entwickelt. Wie kann die Vermeidung von Stürzen trainiert werden?

Durch jedes körperliche Training lassen sich prinzipiell auch Stürze vermeiden. Gerade die motorische und kognitive Leistungsfähigkeit in der Kombination sind natürlich einer der ganz großen Punkte, um Stürzen vorzubeugen beziehungsweise Sturzfolgen zu minimieren. Beides muss trainiert werden und darauf beruht das ganze Programm. Typische Programme haben ihren Fokus lange nur auf das Training von Kraft und Gleichgewicht gerichtet, aber das reicht eben nicht aus. Unser Training lässt sich Sturzpräventionstraining nennen oder aber auch allgemeines Training. Zum Sturzpräventionstraining wird es dann, wenn entweder die zu trainierende Person tatsächlich ein erhöhtes Sturzrisiko hat, oder man spezifische Programmpunkte in das Training integriert, wie zum Beispiel  ein Doppelaufgabentraining oder auch eine Fallschule. Das ist ein wichtiger Punkt, der in anderen Programmen so gut wie gar nicht auftaucht. Das Gehirn braucht ein motorisches Programm zu der Frage: „Wie verhalte ich mich beim Sturz?“ Und wenn das richtige Verhalten in der Sturzsituation nie trainiert wird, wird eben auch kein motorisches Programm angelegt. Dies ist von besonderer Bedeutung, da dem Betroffenen auch nur sehr wenig Zeit bleibt, um die richtige motorische Reaktion auf Stolperer oder das Ausrutschen zu produzieren. So vergehen gerademal 700 Millisekunden vom Zeitpunkt beispielsweise des Ausrutschens bis zum Auftreffen auf dem Boden. In diesen Situationen benötigen wir aber mindestens 400 Millisekunden, um überhaupt zu reagieren. Wurde diese Situation nie trainiert, reicht die verbleibende Zeit nicht aus, um sinnvoll zu handeln.

Welche Rolle spielen dabei die kognitiven neben den körperlichen Fähigkeiten?

Zum einen geht es um Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, wie gerade zum Schluss kurz angerissen, die häufig in Reaktionszeit gemessen wird. Darunter versteht man die Fähigkeit tatsächlich richtig schnell reagieren zu können. Der andere Teil besteht aus dem in der Literatur häufig verwendeten Begriff der exekutiven Funktionen. Dies ist ein Sammelbegriff und steht unter anderem für das Problemlösen, Entscheidungen zu treffen oder auch sich eine Einkaufsliste merken zu können. Gerade das Treffen von Entscheidungen ist in Sturzsituationen natürlich von immenser Bedeutung, weil ich zunächst über die Sturzrichtung entscheiden und das richtige Muster auswählen muss. Zwar lassen sich nicht alle Stürze verhindern, doch muss ich zumindest das richtige Muster auswählen, um die Sturzfolgen zu minimieren.

Welche Erfolge versprechen Sie sich von Ihrem entwickelten Trainingsprogramm? Gibt es messbare Ergebnisse vorzuweisen?

Anna Kurz, eine Doktorandin von mir, hat in Frankfurt eine große Studie im betreuten Wohnen durchgeführt, wo sich gezeigt hat, dass unser Programm auch Alltagsaktivitäten wie zum Beispiel das Gehen deutlich verbessert. Beispielsweise ist eine Mindestgeschwindigkeit notwendig, um eine Straße sicher zu überqueren. Zu Beginn unseres Trainingsprogramms hat gerade in der älteren Gruppe über 80 Jahren keiner der Senioren von selbst eine ausreichende Geschwindigkeit gewählt. Das ist natürlich immer dann ein Risikofaktor, wenn ich die Geschwindigkeit plötzlich ändern muss, weil ein Fahrzeug auf mich zukommt. Nach einem Jahr mit unserem Training haben 80 Prozent aller Älteren und 100 Prozent aller Jüngeren eine Geschwindigkeit gewählt, die sie sicher über die Straße gebracht hat.

In diesem Zusammenhang ist auch eine weitere Studie interessant, die gezeigt hat, dass man eine Mindestgeschwindigkeit von 3,8 km/h beim Gehen erreichen muss, damit man „dem Sensenmann noch lange weglaufen“ kann. Gerade im Kontext betreutes Wohnen schaffen viele Senioren diese Geschwindigkeit nicht mehr, sind aber durch ein Trainingsprogramm trainierbar. Im Alter ist das nicht mehr nur eine motorische Fertigkeit, sondern auch eine kognitive, weil viel mehr Aufmerksamkeit auf den Prozess des Gehens gelenkt werden muss, um die Situation richtig einzuschätzen.

Wie sieht die Zielgruppe aus, die durch Ihr Sturzpräventionsprogramm angesprochen wird?

Unsere Forschung ist lebenslang orientiert und schaut sich verschiedene Entwicklungsbereiche an. Den Kindern soll möglichst viel mitgegeben werden, damit sie auf ein maximal hohes motorisches als auch kognitives Niveau kommen können. Nach der Kindheit folgen eine Phase der Stabilität im mittleren Erwachsenenalter und darauf ein Verlust in der Leistungsfähigkeit. Diese Entwicklungskurve kann natürlich unterschiedlich aussehen. Wenn es sehr gut läuft, dann habe ich eine steile Entwicklungskurve in der Kindheit beziehungsweise Jugend, eine lange Phase der Stabilität und einen sehr langsamen Abfall der eigenen Leistungsfähigkeit. Wir wissen auch, dass diejenigen, die sich nicht bewegen, nicht auf ihre Ernährung achten und möglicherweise auch von Krankheiten betroffen sind, diejenigen sind, die eine schlechtere Entwicklungsprognose haben. Im Kontext der Sturzprävention geht es darum, im Kindes- und Jugendalter zur Unfallverhütung beizutragen. In diesem Altersbereich ist der Fokus auf ein allgemeines Training zu richten, dass Motorik und Kognition gleichermaßen anspricht. Bei älteren Menschen sollte in Abhängigkeit von möglichen motorischen und/oder kognitiven Einschränkungen ein maßgeschneidertes Programm in kleinen Gruppen angeboten werden.

Wie fällt man richtig, falls es doch dazu kommt – gerade im Alter?

Was sich bei uns bewährt hat, sind Falltechniken aus dem Kampfsport: nach vorne, ohne zu rollen und das Stürzen nach hinten integriert. Man passt es sozusagen auf den älteren Menschen an, führt es schrittweise ein, da man immer so etwas wie Osteoporose berücksichtigen muss. Natürlich kann ich keine Flugrolle oder ähnliches machen, aber über verschiedene Schritte lernen, die Aufprallfläche möglichst groß zu gestalten. Fällt beispielsweise ein Buch auf die Ecke, dann ist die Ecke kaputt. Fällt das Buch auf die Seite, passiert außer einem lauten Knall gar nichts und das Buch bleibt so, wie es vorher auch war. Das wollen wir beim Stürzen auch erreichen. Bei einem Sturz auf die ausgestreckten Arme stellt das Handgelenk die Buchecke dar, auf die dann alle Kraft beim Aufprall wirkt. Das ist ein sehr schwacher Punkt, der leicht brechen kann. Wenn wir aber die auftretende Kraft auf den ganzen Unterarm und die Hand verteilen können, sozusagen beim Vorwärtsstürzen beide Arme im rechten Winkel vor das Gesicht halten und die Beine beugen, dann können wir über 30 Prozent der auftretenden Kräfte reduzieren. Das reicht häufig schon aus, um die Schwere von Verletzungen zu minimieren. Einen blauen Fleck bekommt man schnell wieder in den Griff, Frakturen und Bänderverletzungen jedoch nicht.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Bewegung, körperlicher Fitness und Sturzgefahr?

Eine spannende Erkenntnis aus jahrelangen Fortbildungen mit dem Deutschen Roten Kreuz zur Sturzprävention ist, dass selbst wenn eine Verletzung durch einen Sturz aufgetreten ist, die Betroffenen sich sehr viel schneller von solchen Verletzungen erholen, wenn sie körperlich-sportlich aktiv sind. Das heißt, ich erziele gleich zwei Effekte: zum einen das Vorbeugen eines Sturzes, zum anderen eine bessere Regenerationsfähigkeit. Wenn ich verschiedene Bewegungsformen im Rahmen eines strukturierten Trainings durchführe, ist das nochmal effektiver. Ausgebildete Übungsleiter können die Intensität eines Trainings viel besser steuern, was zu Hause alleine möglicherweise nicht im gleichen Maße gelingt. Man neigt dazu, eine zu geringe Intensität zu wählen, als dass man ausreichend physiologische wirksame Reize setzen könnte. Aber wenn Senioren zwei bis drei Mal die Woche zu solchen Programmen kommen, dann kann damit schon relativ viel erreicht werden, sowohl motorisch als auch kognitiv.