Die nächste Regeneration

Das Interview führte Astrid Buscher
Fotos: Julian Huke | julianhukephotography.com

Dr. med. Markus Klingenberg im Interview über Screening in Prävention und Rehabilitation

Dr. med. Markus Klingenberg, geboren 1978, ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sportmedizin, Chirotherapie und Notfallmedizin. Zusätzlich ist er qualifiziert als Tauchmediziner, Ernährungsmediziner und Arzt für Prävention und Gesundheitsförderung. Als Autor schreibt Dr. Klingenberg regelmäßig Artikel zu sportmedizinischen Themen für verschiedene Fachzeitschriften und ist als Referent bei sportmedizinischen Weiterbildungen für Ärzte und Trainer tätig.

Markus, du bist Orthopäde, Sportmediziner und Autor. Wie sieht dein Alltag aus?

Ich arbeite in Bonn als Partner in einer Gemeinschaftspraxis aus Orthopäden, Neurochirurgen und Radiologen, die ein Teil der Beta Klinik ist. Mein Schwerpunkt liegt auf der konservativen und operativen Behandlung von Gelenkbeschwerden und Sportverletzungen. Dazu kommt noch die ärztliche Leitung des Sport- Reha Bereichs. Durch die Kombination mit einer eigenen Bildgebung, OP-Möglichkeiten und einem Sport- und Reha-Bereich, ist eine umfassende Betreuung der Patienten möglich. Neben der Sprechstunde und der operativen Tätigkeit verbringe ich viel Zeit mit unseren Physiotherapeuten und Sportwissenschaftlern.

Du veröffentlichst viel zu den Themen Screening und Bewegungsanalyse. Was hat dich dazu bewogen, dich mit dem Thema Screening zu beschäftigen?

Während meiner Zeit als Assistenzarzt im Sporthopaedicum in Bayern bestand ein Teil der Arbeit aus postoperativen Kontrollen von Patienten nach Ersatz des vorderen Kreuzbandes. An manchen Tagen waren es über 30 Patienten die zu Kontrollen drei, sechs, neun oder zwölf Monate nach ihrer OP erschienen. Die typische orthopädische Untersuchung ist sehr auf das Kniegelenk und die Stabilität des Kreuzbandes fokussiert. Beweglichkeit des Kniegelenks, Lachmann Test, vordere Schublade und eine KT-1000 Messung sind Standard und lagen meistens im Normbereich. Aus Interesse habe ich den Einbeinstand, den Finger-Boden-Abstand, eine tiefe Kniebeuge und die Beweglichkeit des Sprunggelenks untersucht. Ich war überrascht, wie häufig bei diesen Tests deutliche Defizite sichtbar waren, obwohl die Patienten subjektiv mit dem Ergebnis sehr zufrieden waren. Das war für mich der Auslöser, mich intensiv mit verschiedenen funktionellen Screening-Methoden auseinanderzusetzen.

Wie setzt du diese Methoden heute im Alltag ein?

Ein Screening ist integraler Bestandteil meines Alltags. Inspektion, Palpation und die Überprüfung der Funktion sind Bestandteil jeder orthopädischen Untersuchung. „Funktion“ bedeutet im Alltag aber häufig nur eine Überprüfung bestimmter Bereiche – meist da, wo es weh tut. Ich integriere allgemeine Bewegungsmuster in meine Untersuchung und arbeite mich dann strukturiert zu der schmerzhaften Region vor. Für den Patienten bedeutet das häufig einen Aha-Moment – „Das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen.” oder „Müsste ich das denn können?”. Auf diese Weise steigt auch die Bereitschaft des Patienten, ein vollständiges Screening im Sport- und Reha-Bereich und ein anschließendes Training durchzuführen.

Früher oder später führt ein strukturelles Problem des Bewegungsapparates zu funktionellen Anpassungen und zu einer Veränderung der neuromuskulären Ansteuerung. Deshalb ist es natürlich wichtig, strukturelle Beschwerden durch die körperliche Untersuchung und Bildgebung zu erfassen und zu behandeln, zeitgleich aber auch funktionelle Defizite zu erkennen und ebenfalls zu behandeln. Bewegung ist eines der effektivsten Medikamente. Wir sollten sie genauso sorgfältig dosieren.

Gibt es für dich einen Unterschied, ob du einen Sportler mit oder ohne Beschwerden screenst?

Grundsätzlich sind die Prinzipien und die Bewegungsmuster, die ich untersuche und die Testmethoden die gleichen – es ist ja auch der gleiche Bewegungsapparat. Der Umfang variiert abhängig von einem Verletzungsbild.

Screening ist für mich ein Kontinuum. Aus einer Bewegungsanalyse leite ich Übungsempfehlungen ab, die mit Hilfe eines Therapeuten oder alleine durchgeführt werden. Logischerweise ist es notwendig, den Erfolg dieser Maßnahmen im Verlauf zu überprüfen. In Abhängigkeit des Ergebnisses bestellen wir den Sportler nach drei, sechs oder zwölf Monaten wieder ein. Wir nennen es unser Recall-System. Zahnärzte machen uns das seit Jahrzehnten mit den regelmäßigen ein bis zwei Untersuchungen pro Jahr erfolgreich vor.

 

“Regeneration ist ebenso wichtig für
die Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit
wie die Bereiche Training und Ernährung.”

 

Siehst du  im Rahmen eures Recall-Systems, vor allem Im Sport, einen Zusammenhang zwischen einem erfolgreichen Therapie- bzw. Trainingsverlauf und eingehaltenen Regenerationszeiten?

Das Recall-System schafft einen Status quo der grundlegenden körperlichen Fähigkeiten und damit die Basis für sinnvolle Trainingsziele. Weiterhin schafft es beim Sportler ein Bewusstsein für ein präventives Training. So können wir relevante Defizite des Bewegungsapparats adressieren, bevor spürbare Beschwerden auftreten. Die Themen Atmung und Schlaf werden ebenfalls adressiert.

Welchen Stellenwert hat für dich die Regeneration im Sport?

Regeneration ist ebenso wichtig für die Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit und für das Wohlbefinden wie die Bereiche Training und Ernährung. Fehlende oder unzureichende Regeneration

führt häufig zu einer Leistungsminderung, einer Verletzung oder Erkrankung. Mehr als einmal habe ich mir selbst aufgrund fehlender Regeneration einen Infekt der oberen Atemwege zugezogen. Entscheidend ist immer, die Summe der „Stressoren“ im Blick zu behalten. Training, Beruf und Privatleben müssen bei der Regeneration berücksichtigt werden. Letztlich geht es darum, ein Gleichgewicht oder einen Ausgleich zu finden.

Vor einem Jahr ist dein Buch Return to Sport – Funktionelles Training nach Sportverletzungen im Pflaum Verlag erschienen. Im Juni folgte die zweite Auflage. Was hat sich verändert?

Die zweite überarbeitete Auflage wurde um 70 Seiten erweitert. Darin adressiere ich ergänzende Themen wie Ausdauer, Ernährung und weitere Krankheitsbilder, die mir von Lesern und Kursteilnehmern genannt wurden. Zusätzlich habe ich den Übungsteil des Buches deutlich erweitert. So profitieren der Therapeut und der Sportler gleichermaßen von den Inhalten.  

Du gibst über das ARTZT Institut auch einen Kurs zum Thema Return to Sport. Was erlernen die Teilnehmer dort?

Der Kurs vermittelt effektive Screening-Methoden, die sich gut in Präventions- und Rehabilitationsprogramme integrieren lassen. Zeitlich, räumlich und finanziell ist der Aufwand zu screenen sehr überschaubar. Kursteilnehmer sind Trainer, Therapeuten und Ärzte. Die gute und wertschätzende Kommunikation zwischen diesen Gruppen ist ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor für den Wiedereinstieg in den Sport nach Verletzungen. Besonders gut gefallen mir der Austausch während des Kurses und die gemeinsame Arbeit an Fallbeispielen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Verbindung zwischen einem Screening und den daraus abzuleitenden Übungen. Es ist entscheidend, dass das Erlernte umgehend umgesetzt werden kann. Dazu gehören auf die Besprechung der Organisation, Dokumentation und Abrechnung.

Praxisnah: Im Masterkurs „Return to Sport“ vermittelt Dr. med. Markus Klingenberg den Teilnehmern aktuelle Kenntnisse zu Ursache, Diagnostik und Therapie der häufigsten Sportverletzungen.

Praxisnah: Im Masterkurs „Return to Sport“ vermittelt Dr. med. Markus Klingenberg den Teilnehmern aktuelle Kenntnisse zu Ursache, Diagnostik und Therapie der häufigsten Sportverletzungen.

Welche Ausrüstung benötigt ein Trainer oder Therapeut, um mit deinem Algorithmus zu screenen?

Ich habe Wert darauf gelegt, die Menge des Zubehörs sehr überschaubar zu halten. Benötigt werden eine Matte, ein Stab mit einer Längenangabe, eine Hürde, ein Maßband, tragbare Gewichte (z.B. Kettlebells), Balance Pads (z.B. den ARTZT vitality Stabilitätstrainer) und der ARTZT vitality Easy Balance Test. Ein Smartphone mit einer Stoppuhr und Kamerafunktion haben die meisten Trainer sowieso schon. Das war es im Grunde.

Gibst du eigentlich selbst auch noch Training und wie häufig trainierst du selbst?

Für mich selbst bedeutet Training einen unverzichtbaren Ausgleich für meinen Alltag. Daher versuche ich an sechs Tagen in der Woche mindestens eine halbe Stunde zu trainieren. Unabhängig davon bin ich in geringem Umfang auch selbst noch als Coach tätig. Ich habe einen Vertrag mit einem bekannten deutschen Telekommunikationskonzern über PT und Coaching für dessen Management. Dieses Training erfolgt dann meistens sehr früh am Morgen bevor der Kunde und ich in den eigentlichen Arbeitsalltag starten. Es ist mir wichtig, dass ich weiß worüber ich spreche, wenn ich mein Team aus Therapeuten und Trainern führe oder eine Ausbildung gebe.

Welche Hilfsmittel setzt du regelmäßig ein?

Es ist mir wichtig, die Sportler und Patienten im Rahmen unserer Betreuung mit Trainingsgeräten vertraut zu machen, die sie anschließend selbständig einsetzen können. Dazu gehören vor allem Mini- und Superbänder, Faszienrollen- und Bälle, der Schlingentrainer, Kettlebell, Balance Trainer und natürlich eine Matte. Trainingsgeräte bieten dem Sportler eine hervorragende Hilfe zur Selbsthilfe und unterstützen meiner Erfahrung nach auch die Motivation zur Umsetzung eines Trainings.

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