„Bewegung beginnt im Mutterleib und sollte in ein lebenslanges Spielen übergehen“

Astrid Buscher Astrid Buscher

Astrid Buscher im Interview zu spielerischen Bewegungsangeboten zur Förderung der kindlichen Entwicklung

Bewegung spielt besonders im Säuglings- und Kleinkindalter eine wichtige Rolle für die kindliche Entwicklung und die Ausbildung einer optimalen Grundlage für das weitere Leben. Als Leitung frd ARTZT Instituts und zweifache Mutter liegt Dplom-Sportökonomin Astrid Buscher das Wohl der Kinder besonders am Herzen. Sie hat sich in vielfältigen Projekten und Fortbildungen vor allem mit dem Zusammenspiel von Wahrnehmung und Bewegung sowie dem Gleichgewicht befasst. Im Interview äußert Sie sich zu spielerischen Bewegungsangeboten zur Förderung der kindlichen Entwicklung.

Was war der größte Erfolg in ihrer Karriere als Gewichtheber?

Ja, Kinder bewegen sich viel, wenn wir sie lassen. Leider führt unser schnelllebiger und hoch technisierter Alltag auch bei unseren Kindern zu fehlenden Bewegungsräumen und Mediatisierung. Vor allem Schulkinder verbringen (zu) viel Zeit im Sitzen. Haltungsschwächen, geringe Ausdauerfähigkeit und (senso-)motorische Auffälligkeiten sind die Folge. Aber auch Kleinkinder sammeln immer weniger, für die Entwicklung wichtige, Bewegungserfahrung, was sich dann spätestens in der Grundschule in Form einer sensomotorischen Unreife zeigen kann. Hier kann ein gesondertes, spielerisches Kindertraining helfen, Defizite auszugleichen und das weitere Lernen in Schule und Alltag zu erleichtern.

Wie kann man sich eine typische Trainingswoche bei einem Gewichtheber vorstellen?

Das Training besteht aus einfachen Übungen zur Kräftigung (Haltungsschulung), Beweglichkeitsschulung und Gleichgewichtsverbesserung. Zudem gibt es komplexe Spiele mit und ohne Wettkampfcharakter. Sowohl Übungen als auch Spiele können problemlos in den Sportunterricht eingebunden werden. Zur Integration in den Unterricht (vor und zwischen den Schulstunden) eignen sich insbesondere Gleichgewichtsübungen. Aktuelle Studien haben gezeigt, dass eine deutliche Korrelation zwischen Auffälligkeiten im Gleichgewicht und den Schulleistungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Sport besteht. Dabei ist zu beachten, dass Bewegung und Lernen immer unter Berücksichtigung möglichst vielfältiger Lernkanäle erfolgen sollte. Bewegungsspiele, die sowohl Motorik, Sensorik als auch Kognition fordern, sind besonders wertvoll. Bei speziellen sensomotorischen Einschränkungen ist eine individuelle Bewegungstherapie in Kleingruppen oder sogar im Einzeltraining sinnvoll. Hier erscheint mir der Sportförderunterricht an Grundschulen, wie er in einigen Bundesländern durchgeführt wird, eine sehr sinnvolle Einrichtung.

Als Gewichtheber sind Sie Experte für Langhantelathletik. Was fasziniert Sie an der Langhantel bzw. an der Sportart Gewichtheben?

Im frühen Kindesalter ist jegliche Bewegung förderlich für die Entwicklung. Durch das eigenständige Be- und Fortbewegen lernt das Kind, sich am eigenen Körper zu orientieren und sich ein Bild von seinem Körper zu machen. Zudem ist Krabbeln besonders hilfreich für das Zusammenspiel der linken und rechten Körperseite. Eine Voraussetzung, die Kinder ein Leben lang begleitet und bei vielen Alltagsaktivitäten (Schreiben, Malen, Basteln, Fahrradfahren) und beim Sport benötigt wird. Bewegungsübungen, die der Wahrnehmung des eigenen Körpers und dem koordinierten Zusammenspiel der Körperteile und -seiten dienen, sind daher besonders wertvoll. Zudem können gezielte Ballspiele die Auge-Hand-Koordination und das ökonomische Zusammenspiel beider Augen fördern. 

Kinder lieben bunte „Spielgeräte“ und vor allem bei Jungen haben Bälle einen hohen Aufforderungscharakter. Dabei bieten die großen Sitzbälle (45 und 55 cm) besonders vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Durch ihre Größe können sie problemlos gerollt, aber auch geprellt oder geworfen werden. Beim „Zusammenstoß der Planeten“ bieten sie als elastische Elemente zwischen den Kinder unter anderem wichtige Erfahrungswerte zum Thema „Aktion und Reaktion“. Labile Unterlagen (Stabilitätstrainer) können spielerisch in vielen Spielen zum Einsatz kommen und dienen so ganz nebenher dem Gleichgewichtstraining. Zudem ermöglichen unterschiedliche Farben bei den Stabilitätstrainern die Kombination von Kognition und Bewegung, indem zum Beispiel den verschiedenen Farben unterschiedliche Fußkontakte zugeteilt werden.

Wo liegen die Vorteile des Einsatzes von Kleingeräten für ein effektives Kindertraining

Der Einsatz neuer und farbenfroher Materialien erleichtert insbesondere die Integration kognitiver Elemente, wie zum Beispiel Farben-, Rechts/Links-Lernen oder Merkaufgaben. Zudem haben vor allem Bälle und labile Unterlagen bei Kindern einen sehr hohen Aufforderungscharakter und regen eigene Ideen an. Ein Faktor, der auch im Spiel nicht zu unterschätzen ist.

Wie wichtig ist die Regeneration bei den großen Kräften, die in Ihrer Sportart walten? Wann steigen Sie nach einem Wettkampf wieder in das Training ein?

Letztendlich ist hier das pädagogische Geschick des Kursleiters oder Lehrers gefragt. Wettkampf  und das sich gegenseitige Messen ist eine wichtige Erfahrung, die Kinder machen sollten. Sie können dadurch spielerisch erfahren, dass sich Anstrengung lohnt und regelmäßiges Üben Erfolge bringen kann. Es ist aber zu vermeiden, dass durch Wettkampfspiele schwächere Kinder dauerhaft Niederlagen erleiden und die Lust an der Bewegung verlieren. Zudem sollte Aggressivität gegenüber Mitschülern streng und konkret von wettkämpferischem Ehrgeiz unterschieden werden. Faires Miteinander steht hier nicht im Widerspruch zum Wettkampfgedanken.

Wie konnten Sie sich immer wieder neu motivieren?

Im Spiel lernen Kinder auf unterschiedlichen Ebenen. Hier können sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Sie können Emotionen ausleben, Personen sein, die sie bewundern, ihre Stärken einsetzen und spielerisch erproben und verbessern. Darüber hinaus bietet das Spiel aber auch Raum für „Schwächen“, zum Beispiel indem ein Kind sich mit anderen zusammentut oder eine spezielle Rolle einnimmt. Es bietet viele Möglichkeiten, soziale Kontakte zu erproben und Regeln kennenzulernen, die Kinder einhalten müssen, aber hier und da auch selbstständig modifizieren können. Sie lernen Erfolge und Misserfolge kennen, Gruppenzugehörigkeit und -dynamik sowie die Rolle von Ausdauer und Beharrlichkeit für den finalen Erfolg. Neben diesen emotionalen und sozialen Faktoren bietet das Spiel körperliche Aktivität und verlangt kognitive Leistung, indem Kinder sich Regeln merken und komplexe Zusammenhänge erfassen müssen. Das Besondere am Alleskönner-Spiel ist zudem die Tatsache, dass Kinder gerne spielen, man muss sie nur lassen. Aber das Spiel kann noch viel mehr. Es bietet vor allem einen tiefen Einblick in das komplexe Wesen Kind und ist ein wunderbares Mittel, um vorhandene Defizite in der sensomotorischen Entwicklung spielerisch zu beheben.

Welche positiven Auswirkungen hat spielerisch Bewegungslernen im Kindesalter?

Durch ein gezieltes aber dennoch spielerisches Bewegungsangebot lernt das Kind seinen eigenen Körper kennen. Bewegung steht in engem Zusammenhang mit der Wahrnehmung. Kindern, die eine gute Eigenwahrnehmung haben, fällt es in der Regel auch leichter, sich anderen Kindern gegenüber achtsam zu verhalten. Das Kind lernt somit über die eigene Körperbeherrschung auch das Verhalten anderer Kinder einzuschätzen. Durch das Ertasten und Bewegen von Körper und Gegenständen (BällenHanteln, verschiedene Untergründe) entwickeln Kinder zudem eine Raum- und Maßvorstellung (Entfernung, Höhen, Gewichte), eine wichtige Voraussetzung bei der Orientierung und für das Verstehen und Anwenden vielfältiger Anforderungen aus dem Alltag. Zu guter Letzt bietet die Kombination von Bewegung und Kognition ein enormes Potential, Kindern den Einstieg ins schulische Lernen zu erleichtern. Dabei kann die Bewegung als „natürlicher Lernverstärker“ dienen.

Je komplexer wir unser Gehirn nutzen, je mehr unterschiedliche Lernkanäle wir benutzen, desto dichter wird das Netzwerk an Verschaltungen. Besonders Kinder mit sensomotorischen Defiziten können von unterschiedlichen Lernkanälen profitieren. Stellen wir uns die Wege, die gelernte Informationen nehmen, als frischgesäte Wiese vor. Je öfter wir über diese Wiese laufen (Wiederholung) und je mehr verschiedene Leute das tun (Lernkanäle), desto stärker wird das Gras herunter getreten. Irgendwann wächst auf den häufig genutzten Wegen kein Gras mehr, aus schmalen Trampelpfaden werden breite Autobahnen mit vielen Auf- und Abfahrten (Vernetzung). Diese Informationen sind nun immer wieder gut verfügbar, man kann sie abrufen, wenn man sie braucht.

Bewegung und hier insbesondere das Spiel können zum „Ausbau der Autobahnen“ einen wesentlichen Beitrag leisten. Und das schöne dabei ist, fragt man die Kinder nach einer bewegten Kognitionseinheit zum Thema mathematische Grundrechenarten, was sie in der Stunde gemacht haben, kommt immer die Antwort: „Wir haben gespielt“ und niemals „Wir haben gelernt“!

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