Sport, Medizin, Ernährung - Interdisziplinärer Austausch auf dem 3. ARTZT Symposium

Text: Jonas Schön
Fotos: Mira Hampel Fotografie | mirahampel.de

Wo Ärzte und Physios aufeinandertreffen

“Das hätte sich vor 20 Jahren auch niemand vorstellen können, dass sich Rolfer und Sportärzte mal auf derselben Fortbildung zusammenfinden”, leitete Bastian Schmidtbleicher, der bereits zum dritten Mal das ARTZT Symposium moderierte, die Veranstaltung ein, die auch dieses Jahr wieder im schönen Schloss Montabaur stattfand. Wer am frühen Samstagmorgen beim Frühstück einen Blick aus dem Panoramafenster des Buffet-Restaurants warf, dem offenbarte sich ein in Nebelschwaden getauchtes Idyll, welches allmählich von den ersten Sonnenstrahlen durchdrungen wurde. Montabaur, das viele wortwörtlich nur “vom Vorbeifahren her” kennen, zeigte sich hier von seiner schönsten Seite. Der perfekte Start in ein erkenntnisreiches Wochenende voller spannender Theorie- und Praxiseinheiten aus Sportmedizin, Therapie, Ernährung und mehr.

Therapie und Training am Samstag

Der Samstag startete mit Vorträgen von Dr. med. Stefan Mattyasovszky, dem Mannschaftsarzt vom 1. FSV Mainz 05 sowie von Dr. phil. Andreas Schlumberger, Teamleiter Rehabilitation & Prävention des FC Bayern München. Dr. Mattyasovszky schloss seinen Vortrag über Rückenschmerz im Nachwuchsleistungsbereich mit der vielleicht wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnis, die die Notwendigkeit der ständigen eigenen Weiterbildung verdeutlichte: “Als ich angefangen habe, hatte ich gar keine Ahnung, jetzt habe ich keine Ahnung.” Generell sieht er die Prävention und großzügige Abklärung beim Nachwuchs als eine der Schlüsselgrößen für ein beschwerdefreie Laufbahn. Bei den Experten sieht er ein ganzheitliches (Team-) Denken als Erfolgsfaktor: “You have a better chance of winning as part of a team than as an individual.”

Dr. Schlumberger referierte über Trainingsstimulus, Adaption und Regeneration im modernen Leistungssport. Hier warf er u.a. die Frage auf, ob nun klassisches Krafttraining oder Functional Training effektiver ist. Die Antwort: Beides ist gut und wichtig. Hier kommt es auf die Zielsetzung an. Dr. Schlumberger verdeutlichte so noch einmal, dass unterschiedliche Trainingsansätze sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.

Direkt im Anschluss begeisterte der ehemalige Gewichtheber und Diplom-Trainer Martin Zawieja mit seiner lockeren und bodenständigen Vortragsart zum Thema Komplexes Athletiktraining. So kommentierte Zawieja eine übermäßig ausgebildete Bizepsmuskulatur mit den Worten: “Was will ich mit so einem dicken Moped? Das ist nicht funktionell. Höchstens, wenn ich in die Disco gehe.” Und erklärte so, dass Krafttraining eben nicht dazu da ist, um die Muskulatur “aufzupumpen”, sondern um deren Belastbarkeit zu erhöhen und so die Funktionalität zu verbessern. Martin Zawieja setzt vor allem im Jugendtraining auf ein moderates Krafttraining und unterstützt so die Aussage von Dr. Mattyasovszky, dass beim Nachwuchs die Prävention in Form einer gut trainierten Muskulatur am besten vor Überlastungsschäden schützt.

Ein Highlight des Samstags war der Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin Dr. med. Peter Bernius. In seinem Vortrag über die operative Behandlung von Faszienfibrosen präsentierte er, wie er in der Münchner Schön Klinik Patienten, die an Cerebralparese leiden, mit einschneidendem Erfolg behandelt. Die Methode ist so einfach wie effektiv: In einem kurzen operativen Eingriff wird die am Muskel anliegende Fibrose durchtrennt. Dieser ist nach diesem Eingriff wieder deutlich flexibler. Bernius verglich diesen Zustand mit einem Gummiband, welches von Plastikfolie umwickelt ist. Der Muskel könnte sich dehnen, wird aber vom verhärteten Faszien-Gewebe daran gehindert. Durchtrennt man die Folie, kann das Gummiband wieder arbeiten. Der Eingriff selbst dauert nur wenige Minuten und hinterlässt kaum sichtbare Narben auf der Haut. Am Ende seines Vortrags wagte Dr. Bernius die theoretischen Annahme, dass diese Methode auch bei anderen schmerzhaften Faszienfibrosen erfolgreich sein könnte. Ein Aussage, die Dr. Robert Schleip begeistert aufnahm und weitere Forschung und Veröffentlichungen in diesem Bereich anregte.

Ernährungs-Coach Holger Stromberg nahm sich nach seinem Vortrag Zeit für Gespräche mit den Symposiumsteilnehmern.

Ernährungs-Coach Holger Stromberg nahm sich nach seinem Vortrag Zeit für Gespräche mit den Symposiumsteilnehmern.

Mit dem Thema Iss einfach gut leistete der ehemalige Koch der deutschen Fußballnationalmannschaft, Holger Stromberg, einen erheiternden Beitrag über Wahrnehmung, Selbstachtung, Körpergefühl und deren Umsetzung in Alltag und Sport. Stromberg kommt nicht aus der Ernährungswissenschaft, sondern ist über die reine Eigenerfahrung zu diesem Thema gekommen. So berichtete er von seinem Schlüsselerlebnis, als ein zweiwöchiger Verzicht auf Alkohol ein Verschwinden seiner Fußschmerzen zur Folge hatte. In einprägsamen Wortspielen verdeutlichte er einmal mehr den Unterschied zwischen Nahrungs- und Lebensmitteln und der Wichtigkeit des bewussten Essens: “Kopf einschalten, bevor der Hunger den Jagdtrieb über den freien Willen stellt!”.

Im direkten Anschluss folgte mit dem Get-Together-Dinner ein ganz besonderer “Leckerbissen”, den Stromberg in Zusammenarbeit mit dem renommierten Küchenchef, Frank Schmidt, kreiert hatte, natürlich ganz nach seinen Prinzipien: Rein, unverfälscht, energetisch hochwertig! Hier hatten Referenten und Teilnehmer die Möglichkeit, einander persönlich kennenzulernen und sich auszutauschen.

Bewegung und Praxis am Sonntag

Für alle, die am Sonntagmorgen schon fit und ausgeruht waren, bot der Sportwissenschaftler und -therapeut Patrick Meinart das Early-Morning-Workout an. Schwerpunkt waren hier Mobility Drills, Abfolgen von Gelenkbewegungen mit dem Ziel, die Struktur zu stärken, vor Verletzungen zu schützen und die motorische Ansteuerung zu verbessern.
Auch der restliche Sonntag zog qualitativ noch einmal sämtliche Register: Der Therapeut, Heilpraktiker und Sportwissenschaftler Tom Fox knüpfte mit seinem Vortrag über Nahrung als Medizin thematisch an den Vorabend an und machte gleich zu Anfang unmissverständlich klar: “Essen ohne Genuss geht am Zweck vorbei.” Genuss bedeutet aber auch, mehr Zeit für Nahrungsauswahl und -verzehr aufzuwenden, so seine Take-Home-Message.

Dr. John Brazier, Experte für funktionelle Medizin, stieg mit seinem Bewertungs- und Interventionskonzept KORE direkt in die Praxis ein. Anhand mehrerer freiwilliger Test-Personen demonstrierte er eindrucksvoll, wie eine einfache Berührung bestimmter Körperregionen, den “Reaction Points”, das Nervensystem stimulieren und ihm so Aufschluss über die Leistungsfähigkeit des Muskels und die Beschwerden auslösende Region geben kann. Einem Teilnehmer mit Handgelenksmanschette konnte Dr. Brazier so offenbaren, dass der Ursprung seiner Handgelenksschmerzen tatsächlich auf die Nackenregion zurückzuführen waren.

Faszien-Koryphäe Dr. Carla Stecco begeisterte das Publikum mit ihrem Fachwissen.

Faszien-Koryphäe Dr. Carla Stecco begeisterte das Publikum mit ihrem Fachwissen.

Prof.ssa Dr. Carla Stecco, Autorin vom Atlas des menschlichen Fasziensystems, gilt unter Fachleuten als Koryphäe der Faszien-Forschung und begeisterte mit ihrem Fachwissen über viszerale Faszien und ihr Zusammenspiel mit dem Bewegungsapparat. Dabei begeisterte Sie die Teilnehmer vor allem mit ganz aktuellen Erkenntnissen aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

Am späten Nachmittag endete dann ein lehrreiches und kommunikatives Wochenende auf Schloss Montabaur. Viele der Teilnehmer und Referenten bedankten sich noch einmal persönlich bei den Mitarbeitern von ARTZT für diese gelungene Veranstaltung, die auch dieses Jahr ohne die tatkräftige Unterstützung der Referenten, den Mitarbeitern vom Hotel Schloss Montabaur und vor allem der Teilnehmer nicht möglich gewesen wäre. Danke für ein erfolgreiches 3. ARTZT Symposium 2017!

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