Physiotherapie meets Athletiktraining - Bericht vom 2. ARTZT Symposium: „Prävention und Rehabilitation“

Text: pt_online: 01.03.2016 | physiotherapeuten.de
Foto: Mira Hampel Fotografie | mirahampel.de

Im Sinne von „Mr. Thera-Band“

Ludwig Artzt hat das Familienunternehmen gegründet, das die Veranstaltung jetzt zum zweiten Mal ausgerichtet hat. Zu Beginn denken wir gemeinsam an ihn: Sein Sohn Philipp spricht mit Tränen in den Augen von seinem Vater. Beim ersten Symposium war der Senior noch dabei und hatte dort mit der ihm eigenen ruhigen und besonnenen Art mit viel Freude Menschen zusammengebracht.

Seine Tochter Catherine und seine Söhne Philipp und Felix Artzt führten diese Tradition jetzt mit dem zweiten Symposium sehr erfolgreich weiter. Alle Teammitglieder der veranstaltenden Firma – allen voran ist hier die für das Vortragsprogramm verantwortliche Astrid Buscher zu nennen – trugen zum Gelingen der Veranstaltung bei.

Die Verpflegung der Gäste fand wie schon beim ersten Symposium nicht mit Leerkalorien wie belegten Brötchen und Keksen statt, sondern mit sorgfältig unter ernährungsphysiologischen Aspekten zusammengestellten Speisen. So war das gemeinsame Essen einerseits eine Gaumenfreude und andererseits fast schon eine interessante Fortbildungseinheit in Sachen Ernährung. Höhepunkt war das Get-together-Dinner, an dessen Zusammenstellung Dr. Kurt Mosetter, der ärztliche Leiter des Symposiums, beratend mitgewirkt hat.

Vorträge und Workshops gaben reichlich wertvollen fachlichen Input. Dieser kann in diesem Bericht natürlich nicht vollständig abgebildet werden, daher nur einige exemplarische Eindrücke und eine kleine Bildergalerie.

Kleine Stadt, große Namen

Das Besondere an der Veranstaltung ist der intensive Netzwerkgedanke: Experten, Aussteller und Teilnehmer kamen in entspannter und kollegialer Atmosphäre miteinander ins Gespräch und so manche Idee für neue Projekte wurde geboren. Für mich als eingeladener „Fachpressevertreter“ sind gefühlte hundert neue Kontakte dazugekommen. Sogar mit einem teilnehmenden HNO-Arzt habe ich mich auf fruchtbare Weise ausgetauscht.

Auch um mich herum sah ich in den Pausen, beim Dinner und in der Industrieausstellung Sportwissenschaftler, Fitnesstrainer, Personal Trainer, Ärzte und Physiotherapeuten engagiert diskutieren. Deswegen stelle ich hier auch zunächst die teilnehmenden Referenten vor:

Sie liest sich schon spannend, die Liste der Experten (unten in fetten Buchstaben), die die Unternehmerfamilie Artzt ins kleine Städtchen Montabaur in Rheinland-Pfalz eingeladen hat. Viele sind eigens für das Symposium aus den USA angereist. Das Thema „Prävention und Rehabilitation“ erscheint zwar sehr breit gewählt, aber bei

der Lektüre der Lebensläufe der Referenten zeichnet sich ein Schwerpunkt der beruflichen Hintergründe ab: Viele der Experten kommen aus dem Sportbereich. Dies wundert nicht, denn gerade aus dem Sport kommen immer wieder wichtige Impulse für Prävention und Rehabilitation.

So ist die US-amerikanische Physiotherapeutin Sue Falsone die derzeit leitende Athletiktrainerin und Sport Performance Coach der US-Fußball-Herren-Nationalmannschaft. Der deutsche Ex-Fußballnationaltrainer Jürgen Klinsmann scheint auch in den USA bei der Betreuung seiner Spieler stark auf die Physiotherapie zu setzen: Er hat den deutschen Arzt Dr. Kurt Mosetter beratend hinzugezogen, der bekanntermaßen sehr eng mit Physiotherapeuten zusammenarbeitet. Mosetter kümmert sich seit 2011 als Mannschaftsarzt um die Gesundheit und die Fitness der US-Kicker. Ein „Fußball-Urgestein“ ist Klaus Eder, der schon kurz vor der EM 1988 als Physiotherapeut zur deutschen Fußballnationalmannschaft gestoßen ist; als Chefphysiotherapeut des DFB ist er der derzeit wohl bekannteste PT Deutschlands.

Dr. Phil Page ist Physiotherapeut, Athletiktrainer und zertifizierter Strength-&-Conditioning-Spezialist. Auch aus den USA, genauer gesagt aus Chicago, ist der Physiotherapeut Robert Lardner nach Montabaur gereist. Bodo von Unruh ist Sportphysiotherapeut des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) mit der DOSB-Zusatzqualifikation „Physical Fitness“, was so viel wie Athletik- oder Fitnesstrainer bedeutet; er betreut die DFB-Schiedsrichter der Bundesliga. Dominik Suslik arbeitet seit mehreren Jahren als Athletiktrainer bei Hannover 96. Sascha Seifert ist Sportphysiotherapeut des DOSB und beim Handballbundesligisten MT Melsungen als therapeutischer Leiter im Einsatz. Aus der Sportwissenschaft kommt Prof. Dr. Dr. h. c. Dietmar Schmidtbleicher, Lehrstuhlinhaber am Institut für Sportwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt / Main. Den Präventionsbereich deckt Bastian Schmidtbleicher ab, der seit 2006 das Unternehmen VIP-Training Variable Individuelle Prävention GmbH führt.

Dr. Robert Schleip und seine Ehefrau Divo Müller muss man hierzulande wohl nicht extra vorstellen. Ihre Begeisterung und ihr Engagement haben das Thema Faszie zu dem gemacht, was es in Deutschland derzeit ist: die (Wieder-)Entdeckung eines vernachlässigten Gewebes, eine große therapeutische Chance mit noch unbekannt hohem Potenzial und ein aktuell schon als „Hype“ kritisierter Boom in der Fitnesswelt. Der Mediziner Prof. Dr. Andry Vleeming konzentriert sich in seiner Forschung auf das Verständnis chronischer Schmerzen im Lenden- und Beckenbereich sowie deren evidenzbasierte Rehabilitation. Als „Exot“ in dieser Liste erscheint zunächst Meister Shaofan Zhu: Er beherrscht eine große Zahl von Faust- und Waffenformen des Wushu und ist Experte für traditionelles wie modernes Taijiquan. Ein Exot ist er aber nur auf den ersten Blick – gerade unter dem Aspekt der körperweit vernetzten Faszienstrukturen kommt komplexen Bewegungsformen wie Kampfkünsten, Qigong oder Yoga eine zunehmende Bedeutung zu. So durften alle Teilnehmer gespannt sein, was sie an diesen beiden Tagen erwartet.

Vorträge exemplarisch ...

Umfangreiches Plädoyer für eine ganzheitliche Medizin im Leistungssport

Kurt Mosetter hält den Eröffnungsvortrag. Er erzählt zu Beginn von seiner Arbeit im Team um Jürgen Klinsmann und die wichtige Rolle, die der Startrainer den Physiotherapeuten beimisst. Der Profisport ist laut Mosetter ein Vorreiter der Zusammenarbeit auf Augenhöhe im medizinischen Team.

Er betont die entscheidende Rolle der Ernährung für die Gesunderhaltung des Sportlers! Für ihn gibt es einen großen Feind des Bindegewebes: schlechte Ernährung, vor allem zu viel Zucker. Jürgen Klinsmann hat hier sein Team schon seit Längerem radikal umgestellt. Er witzelt: „Keine Bananen! Damit kommt man zwar schnell auf einen Baum, aber schießt kein Tor in der zweiten Halbzeit.”

Der Arzt als Aufzeiger des „Weges“: Dao

Sehr eindrucksvoll ist eine Taijiquan-Vorführung von Meister Shaofan Zhu: komplexe, den inneren Körper wahrnehmende Bewegung in Perfektion. Für den chinesischstämmigen Kampfkünstler ist der wahre Arzt jemand, der dem Patienten den Weg (Dao) aufzeigt. Der Patient soll dann nicht zurückschauen – und auch nicht zurückkommen! Zentrale Elemente, die der Meister auch praktisch demonstriert, sind Körperform und -übung, Atmung und Meditation.

Prävention durch Athletiktraining

Manche Sportphysiotherapeuten spotten, dass der Athletiktrainer der natürliche Feind des Sportlers sei. Bodo von Unruh vereint beide Berufe in sich und räumt mit diesem Vorurteil auf. Er zeigt die Wichtigkeit der harmonischen Ausprägung der fünf motorischen Grundeigenschaften auf: Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Koordination. Um Verletzungen vorzubeugen, ist ein Ziel, dass diese Eigenschaften im Hinblick auf Qualitäten und Quantitäten des sportartspezifischen Belastungsprofils harmonisch und gleichmäßig ausgeprägt sind. Im Hinblick auf Überlastungsschäden kann durch eine bessere Athletik die Gesamtkonstitution des Sportlers so ergänzt werden, dass durch sportartfremde Belastungsreize eine zu einseitige Belastung vermieden wird. Des Weiteren muss häufig einer Haltungsschwäche des Sportlers vorgebeugt werden.

Physiotherapie am Beispiel der Fußballnationalmannschaft

Untereinander kommunizieren, die gleiche Sprache sprechen – das ist auch für Klaus Eder das Wichtigste in der medizinischen Abteilung der Fußballnationalmannschaft. Und er weiß, wovon er spricht: Er ist seit 1988 als Physiotherapeut beim DFB. Er beschreibt sehr konkret seine tägliche Arbeit mit den berühmten deutschen Jungs.

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