„Bewegung ist ein Muss, keine Option!“ – Nachbericht zum 6. ARTZT Symposium

Text: Jonas Schön
Fotos: Mira Hampel | mirahampel.de

Früher war alles besser

Volles Haus auf Schloss Montabaur. Das vielschichtige Thema Artgerechte Bewegung und Regeneration sorgte in diesem Jahr für ein ausverkauftes 6. ARTZT Symposium. Kaum verwunderlich, durften wir doch dieses Jahr wieder absolute Top-Experten aus der ganzen Welt auf Schloss Montabaur begrüßen.

Recht typisch für Befestigungen aus dem 10. Jahrhundert, findet sich die Schlossanlage auf dem höchsten Punkt des Ortes. Ein steiler Fußweg für heutige Verhältnisse. Oben angekommen, sind nicht wenige Hotelbesucher außer Atem. Der Mensch von heute ist das Erklimmen von Bergen nicht gewohnt, so scheint es. Weder Arbeitsalltag noch Nahrungsmittel im Überfluss fordern es. Eine passende Analogie zum Oberthema des diesjährigen ARTZT Symposiums Artgerechte Bewegung und Regeneration – Die verantwortungsvolle Rolle von Therapie, Training und Medizin.

Dr. Percy Marshall hält einen Vortrag auf dem 6. ARTZT Symposium

Auch Mannschaftsarzt Dr. Percy Marshall hatte eine populäre Persiflage der bekannten Grafik "March of Progress" im Gepäck.

Bewusst bewegen, bewusst essen, bewusst leben

Auch für die Veranstaltung selbst gab es anfangs eine kleine Hürde zu überwinden: Die Extremsportlerin Gela Allmann musste ihren Eröffnungsvortrag kurzfristig absagen. Noch kurzfristiger fand sich mit dem Keynote Speaker Florian Astor ein ehemaliger Manager, der in seinem Vortrag Hike to Happiness – Warum es sich lohnt, seine Komfortzone zu verlassen zu mehr Ruhemomenten im Leben, ohne Stress, ohne ablenkende Medien plädierte. Eben Regeneration für den Geist, die vom modernen Menschen jedoch erst einmal gelernt werden möchte: „Setzen Sie sich mal für eine halbe Stunde unter einen Baum und tun Sie einfach nichts. Für die meisten von Ihnen werden das ein paar der schwersten 30 Minuten ihres Lebens.“

Im Anschluss beschäftigte sich Dr. Omer Matthijs mit der Frage Klinische Lumbale Instabilität – Eine Folge unserer heutigen Lebensweise? Krunoslav Banovcic, Sportwissenschaftler und Fitnesstrainer des DFB, konnte im Anschluss kurzerhand für den ebenfalls kurzfristig ausgefallenen Dr. Andreas Schlumberger einspringen und entführte die Teilnehmer in die Welt des Fußballs mit seinem Vortrag zum Thema Artgerechter Leistungssport – Systematischer Aufbau kontextabhängiger Fitness. Im Duett präsentierten die Reflexintegrationstrainerin Birgit Knepper und die Heilpraktikerin Nicole Lurz anschließend das Thema Reflexintegration. Im Fokus standen dabei Die Auswirkungen persistierender Reflexe auf Bewegungsmuster und Leistungsfähigkeit in Alltag und Sport.

Diplom-Sportwissenschaftlerin Charlotta Cumming präsentiert Neurotraining auf dem 6. ARTZT Symposium

Die Ausstellung in der großen Glaskuppel ist fester Treffpunkt zwischen den Vorträgen. Hier mit BGM-Expertin Charlotta Cumming.

Der Samstagnachmittag begann mit zwei englischsprachigen Beiträgen zu den Themen The Paleolithic lifestyle for optimum health and fitness-insights from our evolutionary origins von Geoff Bond aus Zypern sowie Neurobilogical adaptions to modern stress and decreased physical activity levels von Dr. L Maria Walton und Veena Raigangar aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der wissenschaftliche Dialog auf internationaler Ebenen war schon immer eine auszeichnende Eigenschaft des ARTZT Symposiums.

Am Ende des Tages unterhielt Dr. Jörg Zittlau noch einmal mit einem lockeren Vortrag zum Thema Frauen essen anders, Männer auch – Die neuen Ernährungslügen und erinnerte an die Grundregeln eines artgerechten, bewussten Essens. Als artgerecht zeichnete sich auch das anschließende Buffet beim Get-Together-Dinner aus. Passend zum vorangegangenen Vortrag war das Angebot reichhaltig und dennoch in der Zubereitung auf die notwendigen Zutaten beschränkt. Die Gäste hat’s gefreut.

Speisekarte während des Get-Together-Dinners beim 6. ARTZT Symposium auf Schloss Montabaur

Was gab's zu essen? Natürlich Artgerechtes aus der schlosseigenen Küche.

Artgerecht in Medizin, Therapie und Leistungssport

Den Sonntag begann der Mannschaftsarzt des RB Leipzig Dr. med. R. Percy Marshall und seinem Vortrag über Neue Aspekte einer ganzheitlichen (artgerechten) Medizin. Hier beobachtete er zu Anfang: „Wir verdanken der Schulmedizin so vieles. Aber irgendwann ist sie vielleicht mal falsch abgebogen.“ Marshall plädierte dazu, weniger zu „reparieren“, sondern Krankheiten und Verletzungen von vornherein zu verhindern. Danach folgte eine besondere Ehre für die Veranstalter: Der niederländische Physiotherapeut und Senior Instruktor Frans van den Berg hielt auf dem 6. ARTZT Symposium den letzten Vortrag seiner Karriere zum Thema Angewandte Physiologie als Begründung für eine ganzheitliche, artgerechte Therapie.

Am Nachmittag wurde es sportlich mit dem ehemaligen Eishockey-Profi-Torhüter und Sportpsychologen Markus Flemming und seinem Beitrag zur Visualisierung der optimalen Bewegung im Leistungssport. Ein Plädoyer für das bewusste, positive Durchdenken menschlicher Aktionen. Ihm folgte Gerrit „The Performance Doc“ Keferstein mit seinen Vorschlägen zur Regenerationsoptimierung in der Rehabilitation.  Hier resümierte er: „Der Mensch ist keine Maschine, er funktioniert nicht nach mechanischen Prinzipien, sondern nach organischen.“ Dabei spielen verfügbare Ressourcen, Gefahren und Emotionen eine entscheidende Rolle.

Prof. Dr. Dr. Martin S. Fischer hält einen Vortrag auf dem 6. ARTZT Symposium

Wie wichtig Bewegung im Leben eines Menschen ist, zeigte der Abschlussredner Prof. Dr. Dr. Martin S. Fischer am Beispiel des menschlichen Rückens und dessen Veränderung im Laufe der Evolution.

Den Abschluss machte Prof. Dr. Dr. Martin S. Fischer über Funktionelle Veränderungen des Rückens in der Evolution des Menschen. Sein Fazit: „Bewegung ist ein Muss, keine Option!“ Quittiert wurde der letzte Vortrag mit langanhaltendem Applaus seitens der begeisterten Teilnehmer. So endete ein fast perfektes 6. ARTZT Symposium auf Schloss Montabaur.

Was macht also artgerechte Bewegung und Regeneration aus? Mehr auf die Signale des Körpers hören, ihm das geben, was er wirklich braucht. Dem bewegungsarmen Alltag entgegenwirken, bestmöglich auf industriell hergestellte Nahrungsmittel verzichten sowie individuelle Therapie- und Medizinansätze anstreben. Eigentlich selbstverständlich, aber manchmal sind es eben jene vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, die gerade der heutigen Gesellschaft immer mal wieder vor Augen geführt werden müssen. Dann klappt’s auch wieder besser mit mittelalterlichen Fußwegen.

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