Die Welt entsteht im Kopf und mit ihr der Schmerz

5. ARTZT Symposium auf Schloss Montabaur 5. ARTZT Symposium auf Schloss Montabaur

Text: Astrid Buscher
Fotos: Mira Hampel | mirahampel.de

Erstes Februarwochenende 2019. Bereits zum fünften Mal trafen sich Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Trainer und Ärzte zum ARTZT Symposium auf Schloss Montabaur, um Ihr Wissen zum Thema multimodale Schmerzbehandlung zu erweitern. Dabei erfolgte der Einstieg am Freitag mit viel Praxis. In drei Pre-Workshops standen Nackenschmerzen (Christine Hamilton), Traumatische Erlebnisse (Christina Halasz) und Neurologische Dysfunktionen (Dr. John Brazier) im Mittelpunkt. Ein perfekter Einstieg in das vielschichtige Krankheitsbild chronischer Schmerzen und ein erstes Erahnen, dass der chronische Schmerz eine „eigene Spezies“ (Dr. Eric Cobb) mit sehr vielen verschiedenen Einflussfaktoren ist. Den interdisziplinären Austausch – als Garant für eine erfolgreiche Therapie – machten sich die Symposium-Teilnehmer direkt am Freitag zum Motto und tauschten sich intensiv beim Abendessen und an der Schlossbar aus. Wie Dr. Volker Busch sagen würde – „Mit weiteren Affen (Freunden) an unserer Seite, lebt es sich sicherer und leichter.“

Internationaler Samstag mit besten LEBENSmitteln

Am Samstag wurde es international mit Referenten aus UK, USA, Österreich und Deutschland. Den Auftakt machte Dr. Volker Busch, der das Thema Chronische Schmerzen und andere Erschöpfungen kurzweilig und unterhaltsam beleuchtete und direkt zu Beginn eine wichtige Botschaft ans Plenum richtete: „Nehmen Sie die Beschwerden Ihrer Patienten immer ernst und bauen Sie von Anfang an eine wertschätzende Beziehung auf!“ Im Anschluss präsentierte Dr. John Brazier eindrucksvoll, wie man mit Hilfe von kinetischen Ketten eine sofortige Antwort für ein chronisches Problem finden kann. Dabei fällt auf, dass dieses selten an der Stelle existiert, wo der Patient den Schmerz lokalisiert.

Dr. Volker Busch auf dem 5. ARTZT Symposium
Überzeugte mit Fachwissen und Humor: Arzt und Speaker Dr. Volker Busch

Nach einer Kaffeepause mit Besuch der Symposium-Partner-Ausstellung entführte Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann, Sportpsychologe der Fußballnationalmannschaft, die Zuhörer in die Welt des Psychologischen Verletzungsmanagements. Sein Fazit: „Die Welt entsteht im Kopf!“. Dabei ist die Schwere der Verletzung oft zweitrangig. Entscheidend in Verletzungsphasen ist die positive Einstellung, realistische Zielsetzung, Willensstärke und ganz besonders die soziale Unterstützung, die der Sportler während dieser Phase erfährt. Auf die Glückwünsche unserer Moderatorin Dr. Simone Becker zur erfolgreichen psychologischen Begleitung der Fußball Nationalmannschaft 2014 in Brasilien erwiderte Prof. Hermann äußerst sympathisch: „Ich gebe zu bedenken, dass ich 2018 bei der WM in Deutschland auch dabei war.“ Der Kopf hat eben sein Eigenleben!

Dr. Matthew Howard, Senior Lecturer in Pain and Neuroimaging am King's College in London, gab einen Einblick in die Welt des Funktionellen MRI und wie wir dieses im Rahmen einer Schmerztherapie nutzen können. Danach zeigte Dr. Eric Cobb, Z-Health, an praktischen Beispielen, dass die Kenntnisse über die Funktion und Wirkweise des Nervensystems eine wichtige Rolle für eine erfolgreiche Therapie spielen. Mit dem richtigen Fokus können wir Veränderungen der Hirnstrukturen bewirken und das, bei richtiger Anwendung, sehr erfolgreich und schnell. Vor allem neurologische Patienten mit verminderter Wahrnehmung sprechen diese Art der Übungen und Drills sehr gut an. Abschließend sensibilisierte Christina Halasz die Zuhörer für Eine verantwortungsvolle Anwendung schmerzhafter myofaszialer Behandlungstechniken bei Patienten mit traumatischen Erlebnissen.

Franz Keller auf dem 5. ARTZT Symposium
Servierte bei der Küchenparty persönlich: Sternekoch Franz Keller

Mit Charme und der verdienten Achtung an die LEBEwesen, las Spitzenkoch Franz Keller abschließend aus seinem Buch Vom Einfachen das Beste vor und stellte sich verschiedenen Fragen. Vom Einfachen das Beste war dann auch das Motto des alljährlichen Get-Together-Dinners, dessen Highlight in diesem Jahr die Küchenparty war. Die Küchenchefs Ralph Lohr und Frank Schmidt von Schloss Montabaur servierten zusammen mit Franz Keller Spezialitäten von Franz Kellers Falkenhof - Natürlich frisch vom Grill und mit einem eisgekühlten Flaschenbier. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die Schlossküche an diesem Abend der Netzwerkplatz Nummer Eins war.

Ein Plädoyer für den chronischen Schmerzpatienten

Am Sonntag startete Prof. Dr. Hannu Luomajoki über die Einsatzbereiche der Physiotherapie in Bezug auf Gehirn und Schmerz. Dabei gab er einen praxisorientierten Überblick, wie die wichtigsten Einsatzbereiche der Physiotherapie (Sensorik, Kognition, Motorik) konkret im Alltag gemessen werden können und was die Ergebnisse für die praktische Umsetzung bedeuten. No pain without brain ist am Ende eine seiner Take-Home-Messages.

Martina Egan Moog auf dem 5. ARTZT Symposium
Plädierte für ein pazientenzentriertes Vorgehen: Physiotherapeutin Martina Egan Moog

Den Kopf von einer anderen Seite beleuchtete Klaus Eder, langjähriger DFB-Physiotherapeut, in seinem Vortrag zum Thema Kopfverletzungen im Sport – Beschwerden, Symptome, Gefahren, bevor das fünfte Symposium mit zwei Schmerzspezialistinnen aus Australien einen auf den Punkt gebrachten Abschluss fand. Dabei plädierte Christine Hamilton für ein patientenzentriertes Vorgehen, welches edukativ und aktiv erfolgt. Nur so kann der Patient und mit ihm ein biopsychosoziales Verständnis von Schmerzen in den Mittelpunkt rücken. Martina Egan Moog brachte es noch einmal auf den Punkt: "Schmerzen sind normal, individuell und immer real. Ein besseres Wissen über Schmerzen kann dem Einzelnen und unserer ganzen Gesellschaft helfen."

Zusammengefasst kann man sagen: Chronische Schmerzen sind kein Hirngespinst der heutigen Zeit. Es hat sie schon immer gegeben. Ein erfolgreicher Weg in Therapie und Training geht über die Verbindung von Kopf und Körper und somit über die aktive Einbeziehung der Patienten. Ein Perspektivenwechsel ist nötig – weg von passiven, konzeptorientierten und lokalen Ansätzen, hin zu mehr Eigenkompetenz, Mitgestaltungspotential und sozialer Unterstützung. Ersetzen Sie individuelle Bedrohungen (DIMs = Danger in me) durch mehr und mehr Sicherheiten (SIMs = Safety in me) und geben Sie dem Gehirn keine Gelegenheit Schmerzen zu produzieren, um Ihre Patienten zu beschützen!

Bildergalerie

Schloss Montabaur Kuppel
Felix Artzt
Programmheft 5. ARTZT Symposium
Vortrag Dr. Volker Busch
Vortrag Dr. John Brazier
Schloss Montabaur Kuppel
Besucher 5. ARTZT Symposium
Vortrag Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann
Schloss Montabaur Kuppel Außenansicht
Vortragsraum Schloss Montabaur
Vortrag Dr. Eric Cobb
Vortrag Prof. Dr. PD Hannu Luomajoki
Schloss Montabaur Außenansicht
Vortrag Klaus Eder
Vortrag Klaus Eder 02
Vortrag Christine Hamilton
Vortrag Christine Hamilton 02
Simone Becker
Vortrag Martina Egan Moog
Vortrag Martina Egan Moog
Philipp Artzt
Astrid Buscher, Philipp Artzt
Franz Keller, Philipp Artzt
Get-Together-Dinner, 5. ARTZT Symposium
Vortrag Franz Keller
Küchenparty 5. ARTZT Symposium
Küchenparty 5. ARTZT Symposium
Küchenparty 5. ARTZT Symposium
Franz Keller
Franz Keller, Felix Artzt